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| 4 KünstlerInnen und Politik – Von der Monarchie bis zum
Nationalsozialismus382
4.4 Nationalsozialismus
„[…] es sind wunderbare Kunstwerke in der Schreckenskammer –
Nolde, Kokoschka, Marc, Klee u. viel ausserordentlich Interessantes.“ 223
1937 versuchte Kokoschka seine Bilder aus deutschen Museen vor der Beschlag-
nahmeaktion „Entartete Kunst“ zu retten. Vergeblich. Hunderte seiner Werke wur-
den beschlagnahmt, mehrere davon wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“
in diffamierender Weise zur Schau gestellt. Wie in keinem politischen System zuvor
waren KünstlerInnen und ihr Werk im Nationalsozialismus in unmittelbarer und
direkter Weise von Maßnahmen politischer Herrschaft betroffen. Was „gute“ und
was „schlechte“ beziehungsweise keine Kunst war, und wer das Recht hatte, künst-
lerisch tätig zu sein, bestimmte das herrschende politische Regime. 1937 wurde in
München das „Haus der Deutschen Kunst“ eröffnet, parallel dazu im Münchner
Hofgarten die Ausstellung „Entartete Kunst“.224 Die Ausstellung, in der vor allem
Werke der klassischen Moderne mit diffamierenden Begleittexten dem Publikum
als „entartet“ und undeutsch vorgeführt wurden, wurde von zahlreichen Menschen
besucht. Mögen viele davon im Sinne der Nationalsozialisten reagiert haben – die
Ablehnung moderner Kunst konnte ja auf eine breite Basis zurückgreifen –, gab es
aber auch BesucherInnen, die die ausgestellten Werke bewunderten und über die
Ausstellungsweise entsetzt, wütend oder traurig waren. In mehreren autobiographi-
schen Aufzeichnungen von KünstlerInnen finden sich, wie in der eingangs zitierten
Aussage Margret Bilgers, bewundernde Worte für die Werke und KünstlerInnen, die
in der als „Schandausstellung“ oder „Schreckenskammer“ konzipierten Schau ver-
treten waren. Eine besonders eindringliche Beschreibung seiner Eindrücke sandte
der junge Maler Hans Fronius an seinen ihm verehrten Kollegen Alfred Kubin. Er
hatte bei einem Aufenthalt in München sowohl das „Haus der deutschen Kunst“ wie
auch die Ausstellung „Entartete Kunst“ besucht:
223 Bilger Archiv, MB an ? [Familie Ring] Schärding 25.8.1937. Hier zit. nach Margret Bilger, Briefe an
die Familie, unveröff. Transkript von Melchior Frommel.
224 Zur nationalsozialistischen Kunstpolitik und insbesondere zur Thematik der „Entarteten Kunst“
entstanden in den letzten Jahren vor allem im Umfeld der Hamburger Forschungsstelle „Entar-
tete Kunst“ zahlreiche Publikationen, verwiesen sei u.a. auf Uwe Fleckner (Hg.), Angriff auf die
Avantgarde. Kunst und Kunstpolitik im Nationalsozialismus, Berlin 2007. Einen Überblick zu den
beiden oben genannten Ausstellungen bietet Peter-Klaus Schuster/Karl Arndt (Hg.), Nationalsozi-
alismus und „Entartete Kunst“. Die „Kunststadt“ München 1937, München 1998.
Open-Access-Publikation im Sinne der Lizenz CC BY 4.0
Zeitwesen
Autobiographik österreichischer Künstlerinnen und Künstler im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft 1900–1945
- Title
- Zeitwesen
- Subtitle
- Autobiographik österreichischer Künstlerinnen und Künstler im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft 1900–1945
- Author
- Birgit Kirchmayr
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-23310-7
- Size
- 17.3 x 24.5 cm
- Pages
- 468
- Category
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Einleitung 11
- Fragestellung und Ausgangsthesen 11
- Theoretische Bezugsrahmen 14
- Quellen 17
- „Zeitwesen“ oder: die ProtagonistInnen 20
- 1 Auto/Biographieforschung – KünstlerInnenforschung 33
- 2 KünstlerInnen über sich 79
- 2.1 Alfred Kubin – ein autobiographical life 80
- 2.2 Oskar Kokoschka – der biographische „Jongleur“ 105
- 2.3 Aloys Wach – Selbstbespiegelungen eines Suchenden 136
- 2.4 Erika Giovanna Klien – Autobiographische Fragmente 150
- 2.5 Margret Bilger – Autobiographisches wider Willen 164
- 2.6 Erstes Resümee oder: Wie KünstlerInnen über sich schreiben und dabei „biographische Formeln“ verwenden 175
- 3 KünstlerInnen und gesellschaftliche Diskurse 179
- 3.1 Der Geschlechterdiskurs des frühen 20. Jahrhunderts 180
- 3.1.1 Alfred Kubin und die Misogynie der Moderne 185
- 3.1.2 „Mörder, Hoffnung der Frauen“: Oskar Kokoschka und die (modernen) Amazonen 206
- 3.1.3 Erika Giovanna Klien – schwierige Emanzipationswege einer „neuen“ Frau 214
- 3.1.4 Zerrissenheit und Identitätssuche – Geschlechterbilder bei Margret Bilger 220
- 3.2 Geschwindigkeit – Fortschrittseuphorie versus Kulturpessimismus 232
- 3.2.1 Alfred Kubins Traumstadt „Perle“ als Versuchsstation der Fortschrittsverweigerung 236
- 3.2.2 „Im Riesengefängnis New York“: Erika Giovanna Klien und ihr Verhältnis zu Stadt, Geschwindigkeit und Technik 245
- 3.2.3 Der Rückzug aufs Land: Alfred Kubin und Margret Bilger 256
- 3.2.4 „Haste nicht und raste nie. Sonst hastet die Neurasthenie“: ein Exkurs zum Nervendiskurs 264
- 3.3 Esoterik – Spirituelle Sinnsuche im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert 271
- 3.4. Zweites Resümee oder: Welche Diskurse der Moderne die KünstlerInnen bewegten 308
- 3.1 Der Geschlechterdiskurs des frühen 20. Jahrhunderts 180
- 4 KünstlerInnen und Politik – Von der Monarchie bis zum Nationalsozialismus 313
- 4.1 Die Legende vom unpolitischen Künstler – Zum Verständnis von Kunst und Politik bis 1945 315
- 4.2 Erster Weltkrieg und das Ende der k. u. k. Monarchie 319
- 4.3 Zwischen den Kriegen: Revolution(en), Republik(en), „Ständestaat“ 349
- 4.3.1 Der „Kunstlump“ – Oskar Kokoschka und die (deutsche) Revolution 353
- 4.3.2 Aloys Wach und die Münchner Räterepublik 360
- 4.3.3 Aus der Distanz: Erika Giovanna Klien und die österreichische Zwischenkriegszeit 368
- 4.3.4 „Weil ich nicht in der Vaterlandspartei bin“: Positionen zum „Ständestaat“ bei Oskar Kokoschka und Alfred Kubin 373
- 4.4 Nationalsozialismus 382
- 4.4.1 „… diese stummen Geister der Auflehnung“: Alfred Kubin und der Nationalsozialismus 385
- 4.4.2 Oskar Kokoschka: Selbstbildnis eines „entarteten“ Künstlers 397
- 4.4.3 „22° Waage“: Aloys Wach und der Nationalsozialismus 404
- 4.4.4 „… hätte ich aber die conträren Gesinnungen“: Margret Bilger und der Nationalsozialismus 409
- 4.5 Drittes Resümee oder: Wie politisch waren die „unpolitischen“ KünstlerInnen? 422
- Dank 426
- Abkürzungsverzeichnis 428
- Tabellen- und Abbildungsverzeichnis 429
- Quellen- und Literaturverzeichnis 431
- Archive und Sammlungen 431
- Zeitungen/Zeitschriften/Jahrbücher 432
- Literatur und gedruckte Quellen 432
- Personenregister 463