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366 Naturrechtspraxis und Empire-Genese
nens). Keeß’ Arbeit am Begriff führte zu vehementen Beschwerden
der universitären und ständischen Gutachter aus Böhmen, Innerös-
terreich und Wien. Die Formulierung, die Keeß wählte, antizipiert die
dogmatische Auffassung des Göttinger Juristen Gustav Hugo, dem
Lehrer Savignys. Hugo reihte die Rechte des Grundherren auf bäuer-
liche Leistungen in die Kategorie der iura in re aliena, der Rechte an
fremder Sache wie Servitut, Pfandrecht und Näherrecht ein.
In Abgrenzung von Martini und Keeß betonte Zeiller ausdrücklich
die Komplexität und situativen Unterschiede des Verhältnisses von
Grundherr und Grundholden in den Ländern der Monarchie und
zäumte das Pferd von hinten auf: Zeiller gestand zu, dass der Grund-
herr sehr wohl gegenüber seinen Grundholden anspruchsberechtigt
sein konnte, ohne das Obereigentum innezuhaben.
Allgemein bewertete Zeiller das geteilte Eigentum als überholte Fi-
gur und versuchte, seine grunderwerbspolitische Funktion auszuhöh-
len, indem das Gesetzbuch eine möglichst neutrale, politisch unver-
fängliche Satzung lieferte.113 Über den »Vorteil der Betriebsamkeit« zu
entscheiden, obliege dem Politiker, ob eine Pflicht bestehe, Eigentum
zu erwerben, ob dem Triebe nach dem Eigentum Grenzen zu setzen
seien, und es die Bedürfnisse der Bürger zu »steuern« gelte, sei Sache des
Moralisten.114 Die josephinisch-bodenpolitisch motivierte Auffassung
des Nutzeigentums als Durchgangsstufe zum Volleigentum, wie sie
sich bei Martini und Keeß fand, vermied Zeiller ausdrücklich.115 Diese
Demontage des geteilten Eigentums, das von den Josephinern eben
als Vehikel für die Aufwertung des Untereigentums benützt wurde,
präsentierte Zeiller als sachliche Positivierung möglichst lupenreiner
Rechtsbegriffe. Diese Lösung gibt sich wissenschaftlich, übt sich also
in sozialphilosophischer und moralischer Deutungsabstinenz, sie war
freilich nicht minder politisch als Martinis und Keeß’ Position. Die
»freie Tätigkeit« und die »Freiheit des Erwerbs« wird bei Zeiller eben
vom Wohlfahrtsanspruch der kameralistischen und älteren naturrecht-
fikation. Die Oberste Justizstelle und das allgemeine Privatrecht in Öster-
reich von 1749 bis 1811, Wien 1979, 147-148.
113 Pichler, Das geteilte Eigentum, 29-30.
114 Zeiller, Das natürliche Privatrecht, 2. Aufl., 97. Vgl. zur gesetzgebungspo-
litischen Debatte von 1792, in der die steirischen Stände forderten, das den
Bürgern vom Fürsten gegebene Wohlstandsversprechen zu kodifizieren,
Harrasowsky, Codex Theresianus, V, 3.
115 Sommer, Die österreichischen Kameralisten, 241.
Aufklärung habsburgisch
Staatsbildung, Wissenskultur und Geschichtspolitik in Zentraleuropa 1750–1850
- Titel
- Aufklärung habsburgisch
- Untertitel
- Staatsbildung, Wissenskultur und Geschichtspolitik in Zentraleuropa 1750–1850
- Autor
- Franz Leander Fillafer
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3745-9
- Abmessungen
- 14.0 x 22.2 cm
- Seiten
- 628
- Schlagwörter
- Aufklärung, Österreich, Habsburger, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert, Revolution, Geschichtsbild, Wissensgeschichte
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung 11
- I. Von der Vaterlandsliebe zum Völkerfrühling, 1770-1848 23
- 1. Der Patriotismus des Joseph von Sonnenfels 24
- 2. Der Landespatriotismus: Vom mehrsprachigen Vaterland zu den rivalisierenden Vergangenheiten seiner Nationen 30
- 3. Revolutionsabwehr, Sprachnationalismus und dynastische Loyalität: Joseph von Hormayr als Historiker 39
- 4. Zwischenresümee 49
- 5. Das Weltbürgertum der Völkerfreundschaft 51
- 6. 1848 und die Krise der liberalen Völkerfreundschaft 57
- Ergebnisse 64
- II. Die katholische Aufklärung 67
- 1. Der Josephinismus als »große Erzählung« der österreichischen Geschichte 67
- 2. Die theresianischen Reformen 71
- 3. Zwischen Barock und Aufklärung: Gelehrsamkeit, Kunst und Lebenspraxis 76
- 4. Die katholischen Reformer und das landesfürstliche Kirchenregiment 83
- 5. Barockbewältigung: Scholastiksatire und Patriotismuskonkurrenz im maria-theresianischen Prag 96
- 6. Das Methodentableau der katholischen Aufklärung 107
- 7. Newtonaneignung im katholischen Milieu: Von der Gotteserkenntnis zur Weltstruktur 110
- Ergebnisse 122
- III. Die Erfindung der Allianz von Thron und Altar 125
- 1. Honigmond. Der antirevolutionäre Schulterschluss von Kirche und Erzhaus in den 1790er Jahren 125
- 2. Restaurative Geschichtspolitik und Sozialdiagnose 137
- 3. Von der Gemeinschaft der Rechtgläubigen zum überkonfessionellen Rechtsstaat: Kultusrecht und Staatshandeln im Vormärz 152
- 4. Die Selbstprovinzialisierung des restaurativen Katholizismus 160
- 5. Für Gott und Vaterland: Das Erbe der Aufklärung und die Rolle der Katholiken in der »nationalen Wiedergeburt« 163
- 6. Imperiale Integration durch konfessionelle Geopolitik: Von der barocken Rekatholisierung zum Austroslawismu Bartholomäus Kopitars 174
- 7. Wissenschaftspolitik und Theologie im Völkerfrühling: Die liberalen Katholiken zwischen Revolution und Konkordat 181
- Ergebnisse 192
- IV. Wissenskulturen des Vormärz 197
- 1. Kant im restaurativen Wissensregime 199
- 2. Bernard Bolzano und das Erbe der Leibniz-Wolff’schen Scholastik 209
- 3. Bolzanisten versus Herbartianer 219
- 4. Welches positive Wissen? Bibelhermeneutik und liberale Physik 223
- 5. Positivität und Restauration. Der wissensgeschichtliche und ästhetisch-politische Kontext 240
- 6. Eine Art Schadensabwicklung. Die postrevolutionäre Konstruktion der »österreichischen Philosophie« 248
- Ergebnisse 252
- V. Vom Merkantilregime zum Binnenmarkt: Die Monarchie als Wirtschaftsraum 255
- 1. Der Grunduntertan als Staatsbürger und Eigentümer: Die aufgeklärte Agrarpolitik und ihre Folgen 258
- 2. Die Patrimonialrechte in der Erwerbsgesellschaft 274
- 3. Sonnenfels’ Œuvre 278
- 4. Rivalisierende Aufklärungen: Merkantilismus und Vernunftrecht 284
- 5. Sonnenfels und die Nachwelt: Der Staat als bürgerlicher Verein 291
- 6. Die Liberalkatholiken als politische Ökonomen 303
- 7. Zwischenresümee: Aufklärungserbe und ökonomischer Liberalismus 309
- 8. Der Gesamtstaat als Wirtschaftsunion 310
- 9. Ungarn in der Donaumonarchie: Wirtschafts- und Verfassungspolitik von Joseph II. bis 1848 315
- Ergebnisse 331
- VI. Naturrechtspraxis und Empire-Genese. Kodifikation, Rechtsstaat, Wissenschaftsgeschichte 335
- 1. Sonnenfels versus Zeiller. Der Zielkonflikt zwischen Verfassungs- und Privatrechtskodifikation in den 1790er Jahren 339
- 2. Der Kantianismus in der Rechtswissenschaft. Franz von Zeiller und sein Erbe 354
- 3. Die Politik des Metapolitischen. Zeillers Gesetzgebungstechnik und das »natürliche Recht« 361
- 4. Das natürliche Recht und die Privatisierung der ständischen Herrschaftsteilhabe 373
- 5. Die Wissenschaftsgeschichte des Rechts und die Gesamtmonarchie: Ein Zwischenresümee 381
- 6. Naturrechtskodifikation und Gesetzesexegese: Die Auslegungspraxis des ABGB 383
- 7. Rechtsstaat und Gewaltenteilung im Vormärz 388
- 8. Gesellschaftsvertrag und Revolutionsprävention: Das natürliche öffentliche Recht als Basisepistem 401
- 9. Ursprung ist das Ziel. Patriotische Rechtshistorie und parlamentarische Repräsentation im Vormärz 407
- 10. Vertrag als Fiktion. Die Naturrechtskritik der Junghegelianer 418
- 11. Pandektenkur. Der Siegeszug der historisch- römischrechtlichen Schule nach 1848 423
- Ergebnisse 443
- VII. Aufklärungserbe und Revolutionsabwehr: Selbst- und Feindbilder der Restauration 455
- 1. Die Josephiner und die Revolution 455
- 2. Carl von Kübecks Lehrjahre. Eine Vignette 467
- 3. Josephiner versus Romantiker 471
- 4. Der innere Feind. Zur Metaphern- und Sozialgeschichte der Restauration 476
- 5. Opferkonkurrenz als Erinnerungskonkurrenz: Die Geschichtspolitik des Jahres 1848 und des Neoabsolutismus 489
- Ergebnisse 492
- VIII. Überblick 497
- IX. Was war Aufklärung? 513