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3.3 Esoterik – Spirituelle Sinnsuche im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert | 301
belastet) vor einem Hund (der kleineren Gefahr)
davonläuft und dabei in einen Abgrund stürzt.
Der Herr der Zahl Schin in extremster Auswir-
kung, in überspitzter Kristallisation und Rein-
kultur: er ergibt sich unwillkürlich, objektiviert
man Tätigkeit und Ideen des Schloßherrn von
Aurolzmünster.“384
Das Kurtzahn-Tarot dürfte daher tatsächlich
Aloys Wachs Quelle für die Verbindung von
Schin und „Narr“ gewesen sein. Warum aber
ist Schin der „Herr der Zahl 22“? Schin ist der
21. Buchstabe im hebräischen Alphabet und
wie auf Abb. 23 ersichtlich entspricht die Nar-
renkarte Schin im Kurtzahn-Tarot auch der an
Stelle der 21. Karte eingereihten „unnumme-
rierten“ Karte 0. In vielen anderen Tarotsyste-
men ist die Karte „Der Narr“ als Karte 22 zu
finden, die aber dann eben nicht die Schin-
Karte ist! Man könnte also einen Irrtum Wachs
vermuten, doch Wachs Tagebuch bringt einen
anderen Erklärungsansatz. In einer 1934 darin
verfassten Reflexion über den Tarot findet sich
folgende Erklärung zu seinem Verständnis der
Zahlen 21 und 22:
„Nicht umsonst ist die letzte Karte des Tarot der
Buchstabe Schin oder die Zahl 22, die Schein be-
deutet. Der Schein in seiner zweifachen Bedeu-
tung, der höheren und der niederen Schwingung: dem Abglanz oder Schein des wahren
Lichtes; oder negativ, der Scheinbarkeit, der Täuschung. Die Zahl 22 ergibt summiert die
Zahl 4. Wer nun die Zahl 4 versteht in ihrer doppelten Bedeutung, der versteht auch wa-
rum die Zahl 22 die Schlüsselzahl ist zum insgesamten Tarot. Hier ist eines der absicht-
lichen Geheimnisse im Tarot: offiziell fungiert der Buchstabe Schin an anderer Stelle als
dort, wo er eigentlich hingehört: meist führt man ihn als den 21. Buchstaben, um zu ver-
384 Wach, Schin, der Herr der Zahl 22, 9.
Abb. 23: Die Narrenkarte aus dem Tarot
von Ernst Kurtzahn
Open-Access-Publikation im Sinne der Lizenz CC BY 4.0
Zeitwesen
Autobiographik österreichischer Künstlerinnen und Künstler im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft 1900–1945
- Title
- Zeitwesen
- Subtitle
- Autobiographik österreichischer Künstlerinnen und Künstler im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft 1900–1945
- Author
- Birgit Kirchmayr
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-23310-7
- Size
- 17.3 x 24.5 cm
- Pages
- 468
- Category
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Einleitung 11
- Fragestellung und Ausgangsthesen 11
- Theoretische Bezugsrahmen 14
- Quellen 17
- „Zeitwesen“ oder: die ProtagonistInnen 20
- 1 Auto/Biographieforschung – KünstlerInnenforschung 33
- 2 KünstlerInnen über sich 79
- 2.1 Alfred Kubin – ein autobiographical life 80
- 2.2 Oskar Kokoschka – der biographische „Jongleur“ 105
- 2.3 Aloys Wach – Selbstbespiegelungen eines Suchenden 136
- 2.4 Erika Giovanna Klien – Autobiographische Fragmente 150
- 2.5 Margret Bilger – Autobiographisches wider Willen 164
- 2.6 Erstes Resümee oder: Wie KünstlerInnen über sich schreiben und dabei „biographische Formeln“ verwenden 175
- 3 KünstlerInnen und gesellschaftliche Diskurse 179
- 3.1 Der Geschlechterdiskurs des frühen 20. Jahrhunderts 180
- 3.1.1 Alfred Kubin und die Misogynie der Moderne 185
- 3.1.2 „Mörder, Hoffnung der Frauen“: Oskar Kokoschka und die (modernen) Amazonen 206
- 3.1.3 Erika Giovanna Klien – schwierige Emanzipationswege einer „neuen“ Frau 214
- 3.1.4 Zerrissenheit und Identitätssuche – Geschlechterbilder bei Margret Bilger 220
- 3.2 Geschwindigkeit – Fortschrittseuphorie versus Kulturpessimismus 232
- 3.2.1 Alfred Kubins Traumstadt „Perle“ als Versuchsstation der Fortschrittsverweigerung 236
- 3.2.2 „Im Riesengefängnis New York“: Erika Giovanna Klien und ihr Verhältnis zu Stadt, Geschwindigkeit und Technik 245
- 3.2.3 Der Rückzug aufs Land: Alfred Kubin und Margret Bilger 256
- 3.2.4 „Haste nicht und raste nie. Sonst hastet die Neurasthenie“: ein Exkurs zum Nervendiskurs 264
- 3.3 Esoterik – Spirituelle Sinnsuche im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert 271
- 3.4. Zweites Resümee oder: Welche Diskurse der Moderne die KünstlerInnen bewegten 308
- 3.1 Der Geschlechterdiskurs des frühen 20. Jahrhunderts 180
- 4 KünstlerInnen und Politik – Von der Monarchie bis zum Nationalsozialismus 313
- 4.1 Die Legende vom unpolitischen Künstler – Zum Verständnis von Kunst und Politik bis 1945 315
- 4.2 Erster Weltkrieg und das Ende der k. u. k. Monarchie 319
- 4.3 Zwischen den Kriegen: Revolution(en), Republik(en), „Ständestaat“ 349
- 4.3.1 Der „Kunstlump“ – Oskar Kokoschka und die (deutsche) Revolution 353
- 4.3.2 Aloys Wach und die Münchner Räterepublik 360
- 4.3.3 Aus der Distanz: Erika Giovanna Klien und die österreichische Zwischenkriegszeit 368
- 4.3.4 „Weil ich nicht in der Vaterlandspartei bin“: Positionen zum „Ständestaat“ bei Oskar Kokoschka und Alfred Kubin 373
- 4.4 Nationalsozialismus 382
- 4.4.1 „… diese stummen Geister der Auflehnung“: Alfred Kubin und der Nationalsozialismus 385
- 4.4.2 Oskar Kokoschka: Selbstbildnis eines „entarteten“ Künstlers 397
- 4.4.3 „22° Waage“: Aloys Wach und der Nationalsozialismus 404
- 4.4.4 „… hätte ich aber die conträren Gesinnungen“: Margret Bilger und der Nationalsozialismus 409
- 4.5 Drittes Resümee oder: Wie politisch waren die „unpolitischen“ KünstlerInnen? 422
- Dank 426
- Abkürzungsverzeichnis 428
- Tabellen- und Abbildungsverzeichnis 429
- Quellen- und Literaturverzeichnis 431
- Archive und Sammlungen 431
- Zeitungen/Zeitschriften/Jahrbücher 432
- Literatur und gedruckte Quellen 432
- Personenregister 463