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Codex Vindobonensis Palatinus 3255* | 157
Dieser Umstand ist interessant, weil in einer Handschrift Konrad Peutingers eben-
falls ein Fragment der Licinius-Sammlung zu finden ist.672 Wie Peutinger zu diesen
Inschriften gelangte, ist noch ungeklärt. Christian Hülsen vermutete eine Benutzung
der Abschrift, die heute in Darmstadt liegt. Über Peutinger seien die Inschriften
letztlich in die Publikation von Apianus/Amantius gelangt.673 Maria Pia Billanovich
sah hingegen Fuchsmagens CT 3569 als eine Quelle für Peutinger an und hält sich
des Weiteren an Hülsens Theorie, wonach in Peutinger der Verbindungsmann zu
Apianus/Amantius zu sehen ist.674
Es ist ohne weiteres denkbar, dass Peutinger über Fuchsmagen zu den Licinius-
Inschriften kam: Erstens nennt Peutinger Johannes Fuchsmagen explizit als Quelle
für Inschriftenkopien (einige der relevanten Inschriften kommen auch in der
Licinius-Sammlung vor), zweitens stand der CT 3569, der ebenfalls Teile der
Licinius-Sammlung enthält, in Fuchsmagens Besitz. Die Annahme einer direkten
Verbindung zwischen Peutinger und Fuchsmagen ist hier andererseits nicht zwin-
gend nötig, denn Peutinger kannte als Schüler des Pomponius Letus wohl nicht nur
Giovanni Giocondo persönlich, sondern auch den Mann, der sich hinter dem Pseu-
donym Publius Licinius verbarg.
Welche Handschrift als Quelle für die relevante Passage in Peutingers Codex gedient
hat, könnte Gegenstand einer eigenen, künftigen Untersuchung sein. In dieser wäre
auch zu klären, ob die Stuttgarter oder Wiener Abschrift in Frage kommt.675
Hinsichtlich Entstehung und Herkunft dieser beiden Handschriften kann aus den
Wasserzeichen leider nicht allzu viel herausgelesen werden. Gewiss ist nur, dass der
Stuttgarter Codex gegen Ende des 15. Jahrhunderts geschrieben wurde, das ver-
wendete Papier in ganz Deutschland, Schweiz und Oberitalien gebräuchlich war.676
Der CVP 3255* scheint geringfügig jünger zu sein. Auch die Untersuchung seiner
672 Fol. 126r–129v des 2° Cod. H 23, heute in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Vgl. Hülsen,
Renaissance-Inschriften 48.
673 Hülsen, Sillogi epigrafiche 141a und 144a, Anm. 19.
674 Maria Pia Billanovich, Una miniera di epigrafi e di antichità. Il Chiostro Maggiore di S. Giustina a
Padova, in: IMU 12 (1969) 197–293, v. a. 248–249.
Da (große) Teile der Licinius-Sammlung auch in dem der Wiener Abschrift beigebundenen
Register sowie in der Prager Handschrift CP XIII G 14 enthalten sind, wird sich zumindest für
Apianus/Amantius ein völlig neuer Weg der Inschriftenüberlieferung eröffnen, nämlich über den
CT 3569 und den CP XIII G 14. Siehe dazu Kap. 7.3.2 und Kap. 10.
675 Dies dürfte aber vermutlich aufgrund der unterschiedlichen Reihenfolge der Inschriften nicht der
Fall sein. Auch der Cod. Vat. Lat. 3616 scheidet wohl aus demselben Grund aus: Er enthält zwar
alle relevanten Inschriften, weist aber an einer Stelle einen markanten Bruch in der Reihenfolge
auf. In diesem Codex sind die Inschriften überhaupt an vielen Stellen anders gereiht als in den
übrigen bekannten Kopien der Licinius-Sammlung. Da die Reihenfolge jeweils blockweise unter-
schiedlich ist, sind offenbar die Blätter der Vorlage beim Abschreiben durcheinander geraten. Vgl.
die Tabelle bei Hülsen, Sillogi epigrafiche 149–157.
676 Vladimir Zabughin sah den Stuttgarter Codex als „Apografo di mano tedesco“ an, während Hülsen
meinte, der Codex wäre in Italien geschrieben worden: Siehe Hülsen, Sillogi epigrafiche 138a mit
Anm. 15 (dort auch das Zitat von Vladimir Zabughin, Giulio Pomponio Leto II, Grottaferrata 1912,
170).
Der sogenannte Antiquus Austriacus und weitere auctores antiquissimi
Zur ältesten Überlieferung römerzeitlicher Inschriften im österreichischen Raum
- Title
- Der sogenannte Antiquus Austriacus und weitere auctores antiquissimi
- Subtitle
- Zur ältesten Überlieferung römerzeitlicher Inschriften im österreichischen Raum
- Author
- Doris Marth
- Publisher
- Holzhausen Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-902976-43-7
- Size
- 21.4 x 30.2 cm
- Pages
- 572
- Keywords
- Antiquus Austriacus, Austria, Epigraphy, Humanism, Inscriptions, Manuscript Tradition, Roman Period, Antiquus Austriacus, Epigraphik, Humanismus, Inschriften, Österreich, Römerzeit, Überlieferung
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Table of contents
- 1 Zur historischen Entwicklung der Überlieferung lateinischer, insbesondere norischer Inschriften von den Anfängen bis zum Ende des 14. Jahrhunderts 19
- 1.1 Anfänge und Vorstufen der Überlieferung lateinischer Inschriften 19
- 1.2 Anfänge und Vorstufen der Überlieferung norischer Inschriften 23
- 1.3 Berchtold von Kremsmünster und die älteste Abschrift einer norischen Inschrift 26
- 1.4 Die Inschrift CIL III 5630 im Codex membraneus LIV des Stiftes Lambach 36
- 2 Neue Impulse aus Italien: Humanismus und Renaissance als „Geburtsphase“ der lateinischen Epigraphik 40
- 3 Die Ausbreitung und Etablierung humanistischen Gedankengutes im Ostalpenraum aus epigraphischer Sicht 56
- 4 Augustinus Prygl Tyfernus und die norischen Inschriften 99
- 5 Der sogenannte Antiquus Austriacus: Mommsens Pseudonym für den Verfasser der ältesten Sammlung norischer Inschriften 139
- 6 Die Wiener Handschrift CVP 3255* 147
- 7 Der Codex Pragensis XIII G 14 der Národní Knihovna, Prag 162
- 7.1 Das Verhältnis zwischen CP XIII G 14 und CVP 3255*: Eine Inschriftensammlung und ihr Register 170
- 7.2 Folgen aus dem Zusammenhang CVP 3255* – CP XIII G 14 174
- 7.3 Johannes Fuchsmagen und der CP XIII G 14 182
- 7.4 Zur Frage nach den Quellen für den CP XIII G 14 198
- 7.5 Codex Pragensis XIII G 14: Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse und Gesamtbetrachtung 221
- 8 Konrad Peutinger und die norischen Inschriften 228
- 8.1 Peutingers handschriftliche Inschriftensammlungen 230
- 8.2 Johannes Fuchsmagen als Peutingers Gewährsmann 244
- 8.3 Die „Antiquus-Austriacus-Inschriften“ und die Inschriften von Augustinus Prygl Tyfernus in Peutingers 2° Cod. H 24 246
- 8.4 Zusammenfassung: Der Wert von Peutingers Handschriften für die Überlieferung norischer Inschriften 264
- 9 Johannes Choler und seine Inschriftensammlung 265
- 10 Die „Inscriptiones Sacrosanctae Vetustatis“ von Petrus Apianus und Bartholomaeus Amantius 295
- 10.1 Zur Intention und Gliederung des Werkes sowie zur Nennung seiner Quellen 300
- 10.2 Johannes Choler und die Inscriptiones sacrosanctae vetustatis 301
- 10.3 Die Inschriftensammlungen von Konrad Peutinger und Augustinus Prygl Tyfernus – Quelle für die Inscriptiones sacrosanctae vetustatis? 302
- 10.4 Johannes Aventinus als Quelle für die Inscriptiones sacrosanctae vetustatis 304
- 10.5 Der Codex Pragensis XIII G 14 und sein Verhältnis zu den Inscriptiones sacrosanctae vetustatis 305
- 10.5.1 Das Verzeichnis epigraphischer Abkürzungen im CP XIII G 14 und bei Apianus/Amantius 307
- 10.5.2 Der CP XIII G 14 als Quelle für norische (und oberpannonische) Inschriften bei Apianus/Amantius 311
- 10.5.3 Konsequenzen aus dem unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem CP XIII G 14 und den Inscriptiones sacrosanctae vetustatis 330
- 10.6 Parallel verwendete Quellen und mehrfach überlieferte Inschriften bei Apianus/Amantius 337
- 10.7 Zusammenfassende Betrachtungen zur Arbeitsweise von Apianus/ Amantius und Gesamtbewertung der Inscriptiones sacrosanctae vetustatis 345
- 11 Johannes Fuchsmagen und seine epigraphische Sammeltätigkeit 347
- 12 Anhang: Tabellen zur Überlieferung norischer und oberpannonischer Inschriften 376
- Einleitende Bemerkungen und Hinweise zur Benützung 376
- Tab. 12.1: Inschriften bei Paolo Santonino, Cod. Vat. Lat. 3795 379
- Tab. 12.2: Inschriften, die von Augustinus Tyfernus und vom sogenannten Antiquus Austriacus überliefert werden 380
- Tab. 12.3: Im CVP 3255* und CP XIII G 14 enthaltene Inschriften 386
- Tab. 12.4: Inschriften in den Codices von Augustinus Tyfernus im Vergleich mit dem CP XIII G 14 395
- Tab. 12.5: Inschriften-Erstbelege bei „Antiquus Austriacus“, Augustinus Tyfernus und im CP XIII G 14 415
- Tab. 12.6: Inschriften im 4° Cod. H 26 der SuStBA („Picturae“) im Vergleich mit dem CP XIII G 14 425
- Tab. 12.7: Inschriften in Peutingers 2° Cod. H 23 im Vergleich mit dem CP XIII G 14 427
- Tab. 12.8: Inschriften in Peutingers 2° Cod. H 24 im Vergleich mit dem CP XIII G 14 428
- Tab. 12.9: Inschriften in Cholers CLM 394 im Vergleich mit Peutingers 2° Cod. H 24 und CP XIII G 14 437
- Tab. 12.10: Inschriften bei Apianus/Amantius im Vergleich mit Augustinus Tyfernus und Peutingers 2° Cod. H 24 443
- Tab. 12.11: Inschriften bei Apianus/Amantius im Vergleich mit dem CP XIII G 14 475
- Tab. 12.12: „Antiquus-Austriacus-Inschriften“ bei Peutinger, Choler, CP XIII G 14/Fuchsmagen und Apianus/Amantius 490
- Abkürzungs- und Siglenverzeichnis 503
- Quellen- und Literaturverzeichnis 508
- Abbildungsnachweis 539
- Indices 542
- Inschriftenindex 542
- Orts- und Personenindex 548