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32 An mulier sit capax imperii? Die Reichspublizistik zur Rolle der Kaiserin
Dabei standen die Publizisten von Beginn an vor dem Problem, dass sich sowohl in
der Antike wie im Mittelalter durchaus Beispiele für aktiv an der Herrschaft teilhabende
Kaiserinnen fanden61. Auch Bodin hatte dies in seinem Werk nicht verschwiegen, aller-
dings klar gemacht, dass aus seiner Sicht das größte Übel, das einem Staatswesen zustoßen
könne, die Regierungsgewalt einer Frau sei, da Frauen sich in solchen Situationen immer
wieder unbotmäßig und herrschsüchtig gezeigt hätten62. Geradezu als Feindbild diente
ihm Kaiserin Theodora, die Gemahlin Kaiser Justinians, die sogar im Bereich der Gesetz-
gebung interveniert habe. Dass sie diese Möglichkeit hatte, wurde als Makel, als Fehler des
Kaisers betrachtet, der seiner Frau zu sehr ergeben gewesen sei.
In Melchior Goldasts Widmung seiner „Reichssatzung“ an Kaiserin Anna von 1613 wies
dieser vorrangig auf Frauen der biblischen Überlieferung hin, die Herrschaft ausübten, wie
Deborah, Judith, Bathseba oder die Königin von Saba. Daraus zog Goldast – im Gegen-
satz zu den meisten seiner juristischen Kollegen, die eben Bodin folgten – den Schluss:
„Und ob wol dem also / daß von der Natur / und GOtt dem Himmelischen Kayser selb-
sten / geordnet und versehen ist / daß die Männer sollen die Herrschafft und Obrigkeit
unter dem menschlichen Geschlecht führen / so ist doch unlaugbar / daß aller Völcker
auff dem weiten Erdtboden unsträffliche Recht und Gewonheiten / und sonderlich der
alten Teutschen hochlöblich Herkommen und Gebrauch / dem weiblichen Geschlecht /
wo deren Tugendt / Verstandt / Klugheit / Fürsichtigkeit / Weißheit / und Heroisch Gemüt
sich darzu qualificiert und tauglich erzeigt hat / die Kayserliche / Königliche und Fürstliche
Regierungen zu verwalten gern haben auff und angetragen.“63
Dies bekräftigte er mit Hinweisen auf historische Beispiele, zu denen neben neuzeitlichen
Fürstinnen wie Maria von Ungarn und Elisabeth von England solche aus der Antike zähl-
ten (etwa Kaiserin Faustina und die Exarchin Zenobia) ebenso wie die byzantinische Kai-
serin Irene und die mittelalterlichen Kaiserinnen Adelheid, Theophanu und Agnes. Auch
auf Urkunden, die in den Kanzleien mittelalterlicher Kaiserinnen ausgestellt worden seien,
wies er hin, um daraus zu schließen: „Zu dem so ist auß den geschribenen Rechten / und
oberzehlten Historien bekandt / d[as] auch der Augustae und Kayserin höchstem Ampt
will obligen / deß H. Reichs Nutzen / Heyl und Wolfahrt zu betrachten: und ihrem Her-
ren Gemahl dem Römischen Kayser / zu befürderung und fortpflantzung desselbigen /
durch allen müglichen Fleiß helffen rathen / weisen und leiten …“64.
61 Siehe etwa die Ausführungen bei Fößel, Königin; Hartmann, Königin.
62 Opitz, Bodin, 42, 55, 108.
63 Goldast, Reichssatzung, Bd. 2, [2].
64 Goldast, Reichssatzung, Bd. 2, [8].
https://doi.org/10.7767/ 9783205213383 | CC BY 4.0
© BRILL Österreich GmbH Böhlau Verlag, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
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Die Kaiserin
Reich, Ritual und Dynastie
- Title
- Die Kaiserin
- Subtitle
- Reich, Ritual und Dynastie
- Author
- Katrin Keller
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21338-3
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 430
- Keywords
- Heiliges Römisches Reich, Kaiserin, Kulturgeschichte, Geschlechtergeschichte, Krönung
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Table of contents
- Kaiserin und Reich: Einleitung 9
- An mulier sit capax imperii? Die Reichspublizistik zur Rolle der Kaiserin 21
- Überblick 22
- Wie wird man Kaiserin? 29
- Inhaltliche Schwerpunkte der Reichspublizistik 36
- Die Majestas-Debatte 36
- Der Rang der Kaiserin: Die Diskussion um die Goldene Bulle 42
- Juribus singularis: Privilegien und Rechte der Kaiserin 47
- Welche Rechte hat die Kaiserin? 48
- Die Erzämter 53
- Das Ius Primariarum Precum 58
- Schluss 62
- Die Krönung der Kaiserin im Heiligen Römischen Reich der Frühen Neuzeit 65
- Der rituelle Ablauf 68
- Traditionen: Die Krönung im Mittelalter 68
- Der Ablauf der Krönung 71
- Ritual und Geschlecht 82
- Die Kaiserinnenkrönung als Inszenierung des Reiches: Konstellationen und Konflikte 86
- Kaiser und Kurfürsten 87
- 1612: Der Neuanfang 103
- 1630: Die Verlegenheitslösung 110
- 1637: Kaiserin und Königin 114
- 1653: Kompetenzen und Präzedenzen 122
- 1690: Zeremonialkonflikte 133
- 1742: Abgesang? 142
- Schluss 153
- Kaiserinnen in den Medien 157
- Kaiserinnen in gedruckten Medien: Ein Überblick 160
- Eigenständige Publikationen 161
- Chronikwerke 171
- Zeitungen 178
- Die Krönung als Medienereignis 181
- Medienformen 183
- Die Krönungsbeschreibungen 191
- Texte und Bilder 200
- Die mediale Präsenz der Krönungen im Vergleich 225
- Die Kaiserin in aller Munde? Die Geburt des Thronfolgers 1716 226
- Lucerna abscondita: Wie gedenkt man einer Kaiserin? 232
- Schluss 241
- Handlungsfelder 245
- Kaiserliche Repräsentation: Audienzen 248
- Audienzen beim Reichstag 1653 252
- Audienzen in Wien 254
- Dauer und Gegenstand von Audienzen 258
- Audienzen für reichsständische Diplomaten 261
- Netzwerke: Korrespondenzen 268
- Zur Überlieferung 268
- Das Korrespondenzregister Kaiserin Eleonora Magdalenas (I) 271
- Grußbriefe und Courtoisieschreiben 273
- Jenseits von Korrespondenzen: Patenschaften und Damenorden 277
- Fürbitten 279
- Das Korrespondenzregister Kaiserin Eleonora Magdalenas (II) 279
- Die Kaiserin als Fürsprecherin: Beispiele 284
- Die Regentin: Kaiserin-Witwe Eleonora Magdalena und die Kaiserwahl 1711 297
- Die Begründung der Regentschaft 300
- Zum Selbstverständnis der Regentin 304
- Die Kaiserwahl als Aufgabe 309
- Schluss 319
- Kaiserin und Reich: Schluss 323
- Anhang 331
- Die Königinnen und Kaiserinnen der Frühen Neuzeit 331
- Aufenthalte von Königinnen bzw. Kaiserinnen „im Reich“ (ca. 1550 bis 1745) 332
- Korrespondentinnen und Korrespondenten von Kaiserin Eleonora
- Magdalena im Heiligen Römischen Reich 1697–1705 334
- Verwendete Darstellungen der Reichspublizistik 337
- Ungedruckte und gedruckte Krönungsbeschreibungen 344
- Tabellenverzeichnis 354
- Abbildungsverzeichnis 355
- Abkürzungsverzeichnis 356
- Quellenverzeichnis 357
- Literaturverzeichnis 367
- Gedruckte Quellen und Editionen 367
- Mehrfach zitierte Onlineressoucen 377
- Literatur 378
- Personenregister 410
- Ortsregister 427