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Auch was die zu bearbeitende Anzahl von Manuskripten und importierten
Texten betrifft, gibt es für den Zeitraum wenige Quellen, aber aus den erhaltenen
Schriftstücken wird deutlich, dass zwischen Hauptstadt und Provinz ein sehr gro-
ßes Gefälle existiert hat. In der Provinz ist die Zahl allgemein nicht als besonders
hoch einzuschätzen. Die Manuskriptzensur umfasste in erster Linie Broschüren
und Flugblätter, und noch in der Zeit nach der Französischen Revolution werden
in den erhaltenen Berichten nur einzelne Drucke und Importe erwähnt, wobei
auch nicht immer mit besonderer bibliographischer Genauigkeit vorgegangen
wurde.70 Für Mailand hingegen ist eine Aufstellung Carlo Borronis überliefert, der
ab 1770 für die Revision von beim Zoll einlangenden Büchern und deren Weiter-
leitung an die Zensur zuständig war.71 Die Liste, die den Zeitraum Juli 1771 bis
Juli 1772 umfasst, nennt genaue Zahlen: 328
Ballen und Kisten („Balle, e Casse“)
bzw. 253 Bündel und Pakete („Fagotti, e Pacchetti“) mit Druckschriften wurden
vom Zoll aufgehalten.72 Diese mussten jeweils gesichtet werden, unverdächtige
Titel wurden weitergeschickt, verdächtige hingegen den Zensoren übergeben.
Dass ähnlich wie in Wien auch in Mailand komplexe Wechselwirkungen zwi-
schen Buchproduktion und Zensur zu verzeichnen sind, was Verleger, Schrift-
steller und Herausgeber betrifft, sollte allein der Fall Paolo Frisis verdeutlichen,
der von 1766 bis zu seinem Tod 1784 einerseits politischer Zensor in Mailand
war, andererseits als Schriftsteller, Mathematiker und Mitherausgeber der Zeit-
schrift Il Caffè, des zentralen Organs der lombardischen Aufklärer, tätig war.73
4 2 2 Organisation der Zensur im Veneto 1797–1805
Nachdem Österreich im Frieden von Campoformio die Lombardei (sowie die
österreichischen Niederlande) an Napoleon abgetreten und dafür im Gegenzug
die ehemalige Republik Venedig erhalten hatte, wurde, wie oben bereits erwähnt,
Provincie dello Stato“ (ASM, AdG, Studi p. a. 38).
70 So lauten etwa die Berichte aus Como über (vernichtete) eingeführte Schriften im Zeitraum
1794–1796: „un libro libertino e scandaloso“ (7.11.1794); „libretti osceni, ed alcune carte con
figure affatto disoneste“ (6.9.1795); „alcuni libretti troppo lubrici“ (12.9.1795); „un pacchetto
di libri contenenti la constituzione di Francia, ed altre operette democratiche“ (11.4.1796); „un
libretto poetico stampato in Parigi nel 1792 complesso di libertinaggio e d’irreligione“ (alle
ASM, AdG, Studi p. a. 35).
71 So in einem Dokument in ASM, AdG, Studi p. a. 36, Fasz. Borroni.
72 Im Detail: 1771, Juli (23 Ballen/24 Bündel); Aug. (47/27); Sept. (29/13); Okt. (30/24); Nov.
(26/21); Dez. (16/19); 1772, Jan. (27/16); Feb. (13/13); März (32/22); April (23/24); Mai (34/26);
Juni (28/22) (ASM, AdG, Studi p. a. 36). Die Gesamtzahl findet sich auch bei Tarchetti: Cen-
sura e censori, S. 783.
73 Vgl. Tarchetti: Censura e censori, S.
785–789, bzw. Edoardo Tortarolo: L’invenzione della libertà
di stampa. Censura e scrittori nel Settecento. Roma: Carocci 2011, S. 154–155.
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220 4. Ein Blick in die Länder
Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Titel
- Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Autor
- Norbert Bachleitner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20502-9
- Abmessungen
- 15.8 x 24.0 cm
- Seiten
- 532
- Schlagwörter
- Censorship, Austria, Habsburg monarchy, 18th and 19th century, Zensur, Österreich, Habsburgermonarchie, Geschichte, 18. und 19. Jahrhundert, Literatur
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918
Inhaltsverzeichnis
- VORBEMERKUNGEN 11
- 1. EINLEITUNG 15
- 2. IM DIENST DER AUFKLÄRUNG: DIE ZENSUR ZWISCHEN 1751 UND 1791 41
- 2.1. Die Vorgeschichte: Zensur in der Frühen Neuzeit 41
- 2.2. Die maria-theresianische Zensurkommission 49
- 2.3. Die josephinisch-leopoldinische Epoche 58
- 2.4. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1754–1791 73
- 2.4.1. Verbote 1754–1791 73
- 2.4.2. Verbote 1754–1780, gegliedert nach Sprachen 78
- 2.4.3. Meistverbotene Autoren 1754–1780 79
- 2.4.4. Verbote 1783–1791, gegliedert nach Sprachen 82
- 2.4.5. Meistverbotene Autoren 1783–1791 84
- 2.4.6. Verbote 1754–1791, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 85
- 2.4.7. Meistverbotene Verlage 1754–1791 87
- 2.4.8. Häufigste Verlagsorte 1754–1791 91
- 3. DIE ZENSUR ALS INSTRUMENT DER REPRESSION: DIE ÄRA NAPOLEONS UND DER VORMÄRZ (1792–1848) 93
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 3.1.1. Die Etablierung des polizeilichen Zensursystems 94
- 3.1.2. Die Zensoren 96
- 3.1.3. Die Aktion der Rezensurierung 1803–1805 101
- 3.1.4. Die Jahre der napoleonischen Besatzung und die Zensurvorschrift von 1810 105
- 3.1.5. Die Zensurgutachten: Beispiele aus den Jahren 1810/11 108
- 3.1.6. Die Bücherrevisionsämter 114
- 3.1.7. Die Staatskanzlei 121
- 3.2. Die Zensur im Vormärz (1821–1848) 124
- 3.3. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1792–1848 146
- 3.3.1. Verbote und Zulassungen 1792–1820 148
- 3.3.2. Verbote 1792–1820, gegliedert nach Sprachen 151
- 3.3.3. Meistverbotene Autoren 1792–1820 153
- 3.3.4. Verbote und Zulassungen 1821–1848 157
- 3.3.5. Verbote 1821–1848, gegliedert nach Sprachen 163
- 3.3.6. Meistverbotene Autoren 1821–1848 166
- 3.3.7. Verbote 1792–1848, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 169
- 3.3.8. Meistverbotene Verlage 1792–1848 171
- 3.3.9. Meistverbotene französische Verlage 1792–1848 186
- 3.3.10. Häufigste Verlagsorte 1792–1848 188
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 4. EIN BLICK IN DIE LÄNDER 193
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 4.1.1. Die böhmischen Zensurkommissionen und ihre Zusammensetzung 193
- 4.1.2. Das Nebeneinander der Zensurinstanzen 196
- 4.1.3. Die gescheiterte Zentralisierung (1781–1791) 200
- 4.1.4. Die langsame Professionalisierung und Zentralisierung des Zensurapparats unter Franz II./I 203
- 4.1.5. Prag und Wien im Spannungsfeld der Kompetenzstreitigkeiten 206
- 4.1.6. Die Struktur der Zensur in Böhmen seit 1810 208
- 4.1.7. Unter der Lupe – Analyse der Gutachten 211
- 4.1.8. Probleme der Zensur in den Provinzen – der Fall Böhmen 214
- 4.2. Daniel Syrovy: Die italienischsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie (1768–1848) 216
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 5. DIE THEATERZENSUR 239
- 6. FALLSTUDIEN 259
- 6.1. Periodika 259
- 6.2. Chroniques scandaleuses 269
- 6.3. Die Motive ,Teufel‘ und ,Selbstmord‘ in der verbotenen Literatur 281
- 6.4. Die deutsche Klassik 296
- 6.5. Die Romantiker 321
- 6.6. Historische Romane am Beispiel von Walter Scott 336
- 6.7. Französische und anglo-amerikanische Romanliteratur der 1840er Jahre 347
- 6.8. Geschichtsepik 359
- 6.9. Französische Theaterstücke aus dem Zeitraum 1830–1848 374
- 6.10. Englische Theaterstücke 389
- 7. AUSBLICK 407
- ANHANG 411
- 1. Zensurprotokolle 411
- 2. Verordnungen, Zensur-Richtlinien, Berichte 416
- Mandat betreffend „Sectischer Bücher-Verbott“, ausgegeben von Erzherzog Ferdinand I. von Österreich am 12.3.1523 416
- „Kurze Nachricht von Einrichtung der hiesigen Hofbüchercommission“ vom Februar 1762 418
- Pro Memoria des Professoris Sonnenfels Die Einrichtung der Theatral Censur bet[treffend] [Resolution von Joseph II., vom 15. März 1770] 419
- Gerard van Swieten: Quelques remarques sur la censure des livres (14. Februar 1772) 421
- Zensurverordnung Josephs II., ausgegeben am 1. Juni 1781 427
- Hofdekret vom 20., kundgemacht in Mähren den 28., in Innerösterreich den 30. Jäner, in Gallizien den 3. Februar 1790 431
- Denkschrift Franz Karl Hägelins, gedacht als Leitfaden für die Theaterzensur in Ungarn (1795) 438
- Zensur-Vorschrift vom 12. September 1803. Anleitung für Zensoren nach den bestehenden Verordnungen 462
- Instruktion für die Theaterkommissäre in den Vorstädten von Wien, 5. Dezember 1803 470
- Vorschrift für die Leitung des Censurwesens und für das Benehmen der Censoren, in Folge a. h. Entschließung vom 14. September 1810 erlaßen 474
- ABBILDUNGSVERZEICHNIS 479
- BIBLIOGRAPHIE 480
- REGISTER 510