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Ich bin unsäglich unglücklich der Pred’ger Lyrer, der mich im heilgen Glauben unter-
weisen sollte, hat mich berückt mit Liebestorheit, und jetzt haß ich ihn aus voller
Seele, ich weiß nicht mehr, wie alles sich verlaufen, ich liebte auch Viren, doch seit
ich dich gesehn nicht mehr, ich zittre vor dem Prediger und weiß es nicht warum, ich
diene seiner Lust ganz ohne Lust, zu dir ist alle meine Liebe hingewendet.239
Unklar ist in dem Protokoll lediglich, worin das „alberne Geschwätz“ des Ahas-
ver über seine zum Christentum konvertierenden Glaubensgenossen besteht.
Vermutlich ist die folgende Stelle gemeint, in der er einen sterbenden Juden fol-
gendermaßen maßregelt:
Euren Glauben ihr verlasset, hasset doch den Christenglauben, rauben laßt ihr willig
alles, alles, alles nur kein Geld, stellet euch an fließend Wasser, lasset eure volle Kas-
ten tief hinein, klein ist nur was ihr verlieret, zieret euch der Glaube, leicht beflügelt
ist der Glaube, hebt so schwere Last nicht auf, werdet arm, ihr werdet seelig.240
Im Fall der Sammlung von Arnims Erzählungen von 1812 mit „Isabella von
Ägypten“ an der Spitze können wir uns auf die genannte Novelle beschränken.
Auch sie liefert aus Sicht der österreichischen Zensur mehr als ausreichend Grün-
de für ein Verbot. Eine Erzählung, in der Kaiser Karl V. als durchaus fragwür-
dige Heldenfigur auftritt, musste mit äußerster Aufmerksamkeit der Zensoren
rechnen. Neben diversen Werken über Zigeuner und Karl V. kann als Arnims
vornehmliche literarische Hauptquelle Cervantes’ ‚exemplarische‘ Novelle über
das Zigeunermädchen Preziosa gelten.241 Der Zusammenhang mit der histori-
schen Figur Karl V. wird von Arnim aber in Eigenregie ausgestaltet.
Einer Legende nach haben Zigeuner das Jesuskind, die Mutter Gottes und
Joseph verstoßen, als diese auf der Flucht nach Ägypten kamen, weil sie Juden
waren, die bei ihrer Auswanderung aus Ägypten silberne Gefäße mitgenommen
hatten. Um diese Untat zu büßen, begeben sich zahlreiche Zigeuner auf eine
Wallfahrt nach Europa, wo sich aber Juden als Zigeuner ausgeben und mit ihren
üblen Taten letzteren einen schlechten Ruf und Verfolgung eintragen. So wird
Herzog Michael von Ägypten, der Vater der jungen Zigeunerin Bella, fälschlich
des Diebstahls bezichtigt und hingerichtet. Bella lebt fortan mit Braka, einer
239 Ludwig Achim von Arnim: Halle und Jerusalem. Studentenspiel und Pilgerabentheuer. Hei-
delberg: Mohr und Zimmer 1811, S. 151.
240 Ebd., S. 114.
241 Die Erzählung ist in dem in Österreich ebenfalls verbotenen ersten Band der von Dietrich Wil-
helm Soltau unter dem Titel Lehrreiche Erzählungen (Königsberg: Nicolovius 1801) übersetzten
Novelas ejemplares enthalten. – Zu Arnims Quellen vgl. die Ausgabe in der „Bibliothek der
Klassiker“: Achim von Arnim: Sämtliche Erzählungen 1802–1817. Hg. v. Renate Möhring.
Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag 1990, S. 1254–1259. 6.5. Die Romantiker 331
Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Titel
- Die literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848
- Autor
- Norbert Bachleitner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien - Köln - Weimar
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20502-9
- Abmessungen
- 15.8 x 24.0 cm
- Seiten
- 532
- Schlagwörter
- Censorship, Austria, Habsburg monarchy, 18th and 19th century, Zensur, Österreich, Habsburgermonarchie, Geschichte, 18. und 19. Jahrhundert, Literatur
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918
Inhaltsverzeichnis
- VORBEMERKUNGEN 11
- 1. EINLEITUNG 15
- 2. IM DIENST DER AUFKLÄRUNG: DIE ZENSUR ZWISCHEN 1751 UND 1791 41
- 2.1. Die Vorgeschichte: Zensur in der Frühen Neuzeit 41
- 2.2. Die maria-theresianische Zensurkommission 49
- 2.3. Die josephinisch-leopoldinische Epoche 58
- 2.4. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1754–1791 73
- 2.4.1. Verbote 1754–1791 73
- 2.4.2. Verbote 1754–1780, gegliedert nach Sprachen 78
- 2.4.3. Meistverbotene Autoren 1754–1780 79
- 2.4.4. Verbote 1783–1791, gegliedert nach Sprachen 82
- 2.4.5. Meistverbotene Autoren 1783–1791 84
- 2.4.6. Verbote 1754–1791, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 85
- 2.4.7. Meistverbotene Verlage 1754–1791 87
- 2.4.8. Häufigste Verlagsorte 1754–1791 91
- 3. DIE ZENSUR ALS INSTRUMENT DER REPRESSION: DIE ÄRA NAPOLEONS UND DER VORMÄRZ (1792–1848) 93
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 3.1.1. Die Etablierung des polizeilichen Zensursystems 94
- 3.1.2. Die Zensoren 96
- 3.1.3. Die Aktion der Rezensurierung 1803–1805 101
- 3.1.4. Die Jahre der napoleonischen Besatzung und die Zensurvorschrift von 1810 105
- 3.1.5. Die Zensurgutachten: Beispiele aus den Jahren 1810/11 108
- 3.1.6. Die Bücherrevisionsämter 114
- 3.1.7. Die Staatskanzlei 121
- 3.2. Die Zensur im Vormärz (1821–1848) 124
- 3.3. Kommentierte Statistik der Verbotstätigkeit 1792–1848 146
- 3.3.1. Verbote und Zulassungen 1792–1820 148
- 3.3.2. Verbote 1792–1820, gegliedert nach Sprachen 151
- 3.3.3. Meistverbotene Autoren 1792–1820 153
- 3.3.4. Verbote und Zulassungen 1821–1848 157
- 3.3.5. Verbote 1821–1848, gegliedert nach Sprachen 163
- 3.3.6. Meistverbotene Autoren 1821–1848 166
- 3.3.7. Verbote 1792–1848, gegliedert nach Disziplinen bzw. Gattungen 169
- 3.3.8. Meistverbotene Verlage 1792–1848 171
- 3.3.9. Meistverbotene französische Verlage 1792–1848 186
- 3.3.10. Häufigste Verlagsorte 1792–1848 188
- 3.1. Zwischen Französischer Revolution und Studentenunruhen: Die Zensur von 1792 bis 1820 94
- 4. EIN BLICK IN DIE LÄNDER 193
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 4.1.1. Die böhmischen Zensurkommissionen und ihre Zusammensetzung 193
- 4.1.2. Das Nebeneinander der Zensurinstanzen 196
- 4.1.3. Die gescheiterte Zentralisierung (1781–1791) 200
- 4.1.4. Die langsame Professionalisierung und Zentralisierung des Zensurapparats unter Franz II./I 203
- 4.1.5. Prag und Wien im Spannungsfeld der Kompetenzstreitigkeiten 206
- 4.1.6. Die Struktur der Zensur in Böhmen seit 1810 208
- 4.1.7. Unter der Lupe – Analyse der Gutachten 211
- 4.1.8. Probleme der Zensur in den Provinzen – der Fall Böhmen 214
- 4.2. Daniel Syrovy: Die italienischsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie (1768–1848) 216
- 4.1. Petr Píša/Michael Wögerbauer: Das Königreich Böhmen (1750–1848) 193
- 5. DIE THEATERZENSUR 239
- 6. FALLSTUDIEN 259
- 6.1. Periodika 259
- 6.2. Chroniques scandaleuses 269
- 6.3. Die Motive ,Teufel‘ und ,Selbstmord‘ in der verbotenen Literatur 281
- 6.4. Die deutsche Klassik 296
- 6.5. Die Romantiker 321
- 6.6. Historische Romane am Beispiel von Walter Scott 336
- 6.7. Französische und anglo-amerikanische Romanliteratur der 1840er Jahre 347
- 6.8. Geschichtsepik 359
- 6.9. Französische Theaterstücke aus dem Zeitraum 1830–1848 374
- 6.10. Englische Theaterstücke 389
- 7. AUSBLICK 407
- ANHANG 411
- 1. Zensurprotokolle 411
- 2. Verordnungen, Zensur-Richtlinien, Berichte 416
- Mandat betreffend „Sectischer Bücher-Verbott“, ausgegeben von Erzherzog Ferdinand I. von Österreich am 12.3.1523 416
- „Kurze Nachricht von Einrichtung der hiesigen Hofbüchercommission“ vom Februar 1762 418
- Pro Memoria des Professoris Sonnenfels Die Einrichtung der Theatral Censur bet[treffend] [Resolution von Joseph II., vom 15. März 1770] 419
- Gerard van Swieten: Quelques remarques sur la censure des livres (14. Februar 1772) 421
- Zensurverordnung Josephs II., ausgegeben am 1. Juni 1781 427
- Hofdekret vom 20., kundgemacht in Mähren den 28., in Innerösterreich den 30. Jäner, in Gallizien den 3. Februar 1790 431
- Denkschrift Franz Karl Hägelins, gedacht als Leitfaden für die Theaterzensur in Ungarn (1795) 438
- Zensur-Vorschrift vom 12. September 1803. Anleitung für Zensoren nach den bestehenden Verordnungen 462
- Instruktion für die Theaterkommissäre in den Vorstädten von Wien, 5. Dezember 1803 470
- Vorschrift für die Leitung des Censurwesens und für das Benehmen der Censoren, in Folge a. h. Entschließung vom 14. September 1810 erlaßen 474
- ABBILDUNGSVERZEICHNIS 479
- BIBLIOGRAPHIE 480
- REGISTER 510