Seite - 53 - in Strategen im Literaturkampf - Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
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„totale[s] Desinteresse an allem Gesellschaftlichen“ schließen und zeuge von
einer Vernachlässigung der „Klassenfrage“;115 sie arbeite außerdem auf fatale
Weise den „Literatur-Makler[n]“, ja am Ende auch den „Kritiker[n]“ zu.116 Die
argumentativen Verfahren von Hamms unter dem Titel Der neueste Fall von
deutscher Innerlichkeit publiziertem Beitrag und Handkes zwei Wochen darauf
veröffentlichter Replik, in der er wiederum Hamms Position als „Ausläufer eines
verkommenen Feuilletonismus“ charakterisiert,117 legen nahe, sie als (termino-
logisches) Ringen um eine spezifische Deutungshoheit im literarischen Feld zu
verstehen – stellen doch, so Pierre Bourdieu, die „meisten Begriffe, mit denen
die Künstler und die Kritiker sich selbst oder ihre Gegenspieler definieren“,
„Waffen und Einsätze in den zwischen ihnen ausgetragenen Kämpfen dar“.118
Indem Hamm und Handke sich wechselseitig vorwerfen, die Diktion des jeweils
anderen stehe in engem Konnex zum von beiden bekämpften „Feuilletonismus“,
wird die positive wie negative Besetzung von „Kampfbegriffe[n]“ 119 als zentraler
Aspekt im Spiel der Distinktionen evident. Nicht von ungefähr stellte Hamm
einer neuerlichen Gegendarstellung zu Handkes Text im nächsten konkret-Heft
vom 30. Juni 1969 eine Liste mit Begriffen und Phrasen voran, die Handke in
seiner Replik verwendet hatte: „Solche Wörter, Metaphern, Vergleiche, Adjek-
tive, Denkfaulheiten läßt Peter Handke nur sich selbst durchgehen.“ 120 Auch der
Vorwurf, es handle sich bei Hamms Argumenten um „letzte Ausläufer eines ver-
kommenen Feuilletonismus“, findet sich in der von Hamm zusammengestellten
Liste der Handke’schen „Denkfaulheiten“
– ein weiteres Indiz dafür, dass es sich
hier um ein stark umkämpftes Begriffsfeld in einer ohnehin intensiven, aufge-
heizten Debatte handelte.121
aussetzt und solcherart in neue Kontroversen gerät, die damals vielfach unter der Opposition
Formalismus vs. Marxismus geführt werden.“ Handke selbst hat dazu im Abstand mehrerer
Jahrzehnte im Sinne einer polemischen Reprise geäußert: „Ich war ja nie Achtundsechziger.
Ich war ja das rote Tuch von denen. ‚Literatur ist tot‘, hat der Scharlatan Enzensberger gesagt,
der sich als Dichter ausgibt und nie im Leben ein wirkliches Gedicht geschrieben hat. Für
mich sind das meine Feinde. Und wo das hingeführt hat, hat sich später ja auch gezeigt. Von
[Daniel] Cohn-Bendit bis Joschka Fischer.“ (Peter Handke im Gespräch mit Hubert Patterer
und Stefan Winkler. Graz: Edition Kleine Zeitung 2012, S. 22)
115 Hamm: Der neueste Fall von deutscher Innerlichkeit (Anm. 113), S. 44 f.
116 Ebd., S. 44.
117 Peter Handke über Peter Handke. In: konkret, Nr. 13, 16. 6. 1969, S. 51. Erneut abgedruckt in:
Über Peter Handke (Anm. 113), S. 314 – 319.
118 Bourdieu: Die Regeln der Kunst (Anm. 6), S. 466.
119 Ebd.
120 Peter Hamm: Der Dramaturgie dritter Teil oder das denkfaule Genie. In: konkret, Nr. 14,
30. 6. 1969.
121 Vgl. dazu bereits den Schlagabtausch ein halbes Jahr zuvor: Peter Handke: Totgeborene Sätze.
Kunst als Ware. In: DIE ZEIT, Nr. 49, 6. 12. 1968 vs. Peter Hamm: Versäumte Solidarität: Eine
Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 53
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471