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Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire)
In seiner Rede zur Verleihung des Franz-Kafka-Preises hatte Handke im Okto-
ber 1979, parallel zur Veröffentlichung von Langsame Heimkehr, sein Dasein als
„Schreibender“ in der Tradition literarischer Klassizität neu zu legitimieren ver-
sucht.190 Dem „entschieden hoffnungslosen Kafka“ hatte er dabei sein Ideal einer
„eher bilderleere[n], von Detail und Fabel befreite[n] Heiterkeit“ gegenüberge-
stellt,191 das, so Handkes abschließende Wendung, die bestärkende „Zuneigung“
der Leser brauche.192 In einer Phase der „krisenhafte[n] Transformation einer
vormals erfolgreichen Schreibregel“ 193 der Bestärkung durch wohlmeinende
Leser im Besonderen bedürftig, hatte Reich-Ranickis vernichtende Rezension
für Handke eine schwerwiegende Irritation bedeutet. Er habe sie, nach der Über-
windung des „furchtbare[n] Problem[s] beim Schreiben von Sorgers Geschich-
te“,194 als elementaren Angriff auf seine Existenz als Autor erlebt, wie Handke im
Rückblick zu Protokoll gegeben hat:
Ja, mich hat, was der schreibt, vor zehn Jahren, das gebe ich zu, sehr beschäftigt, weil
er dachte, nun hätte er mich endgültig zur Strecke gebracht. Da habe ich mir gesagt,
na, jetzt werden wir mal schauen. Ich glaube, daß ihm der Geifer noch immer von
den Fangzähnen tropft.195
Hier ist ein zentraler Punkt formuliert, der sich auch in späteren Kommentaren
Handkes über seinen Kontrahenten und vor allem über dessen Kritik an Langsame
Heimkehr findet: Hatte Handke Mitte der 1970er Jahre die Klagen von Autoren,
ein Kritiker habe sie „zerstört“, noch zu „bloße[r] Theatralik“ erklärt, weil der
Kritisierte damit lediglich beanspruche, „in der Klageposition seinen Lebensin-
halt zu finden“,196 machte er Reich-Ranicki nach dem polemischen Verriss seiner
190 Peter Handke: Rede zur Verleihung des Franz-Kafka-Preises. [1979] In: P. H.: Das Ende des
Flanierens (Anm. 103), S. 156 – 159, hier S. 158.
191 Ebd., S. 157.
192 Ebd., S. 159.
193 Karl Wagner: Die Tetralogie Langsame Heimkehr (1979 – 1981). [2005] In: K. W.: Weiter im Blues.
Studien und Texte zu Peter Handke. Bonn: Weidle 2010, S. 81 – 88, hier S. 84; vgl. dazu auch
Höller: Peter Handke (Anm. 28), S. 86 – 90.
194 Peter Handke: Die Geschichte des Bleistifts. Salzburg, Wien: Residenz 1982, S. 128.
195 Müller: Im Gespräch mit Peter Handke (Anm. 112), S. 89.
196 Arnold: Gespräch mit Peter Handke (Anm. 83), S. 35 f. Handke rekurriert an dieser Stelle auf
Karin Struck, deren Roman Die Mutter er Anfang 1975 im Spiegel negativ rezensiert hatte. In
einem Brief an Handke zeigte sich Struck daraufhin über die „einen Menschen vernichtende[
]
Rezension“ ihres Buches enttäuscht; zit. nach: Malte Herwig: Meister der Dämmerung. Peter
Handke. Eine Biographie. München: DVA 22010, S.
300. Vgl. dazu auch Kap.
V, Abschnitt „Keine
Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck“.
Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471