Seite - 172 - in Strategen im Literaturkampf - Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
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als Liebkind von Literaturkritik und Germanistik apostrophiert, denen er
„bequeme Objekte der Interpretationskunst“ geliefert habe. Reich-Ranicki ist
dabei bemüht, sich vom literaturkritischen Mainstream, der Handkes Bücher
bis zuletzt „andächtig rezensiert“ habe, abzugrenzen; er selbst habe, wie er
nicht müde wird zu betonen, schon früh die Schwächen des Autors erkannt
und hervorgehoben.132 Der Kritiker zeigt sich in der Folge ob der „dürftige[n]
Handlung“ der Erzählung enttäuscht
– „Was in diesem Buch geschieht, läßt sich
rasch andeuten, denn es geschieht nur sehr wenig“ –, moniert, dass der Prota-
gonist des Buches, Valentin Sorger, gemessen an den Standards realistischen
Erzählens unzureichend geschildert wird,133 und kann dies folgerichtig nur als
Defizit wahrnehmen: „Ob dieser Mann jung oder alt, dünn oder dick ist, wis-
sen wir nicht; über seine Herkunft, seine Nationalität und ähnliche vielleicht
nicht ganz unwichtige Umstände finden wir in dem Buch keinerlei Auskünfte.“ 134
Schließlich steigert sich die Rezension zum polemischen Verriss, der dem Autor
„intellektuelle[ ]“ wie „künstlerische[ ]“ Unzulänglichkeit attestiert. Handkes
vermeintliche „Hinwendung zu Gott“ beschreibt Reich-Ranicki als Symptom
literarischen Scheiterns:
[D]er beschwörende Prediger und raunende Heilsverkünder Handke schreibt – von
wenigen schönen Passagen abgesehen – eine hochpathetische, angestrengte und
umständliche Prosa, deren schiefe Bilder und preziöse Vergleiche die Dürftigkeit
der Gedanken nicht verbergen können, hingegen auf unbeabsichtigte Weise ihrer
Konfusion entsprechen.135
Ja, Reich-Ranicki sieht den Autor der Langsamen Heimkehr seiner literarischen
Ambition gleich auf mehreren Ebenen nicht gewachsen:
Das sich wandelnde Verhältnis denkender Zeitgenossen zum Glauben ist wahrlich
ein großes, ein gewaltiges Thema, immer wieder der literarischen Darstellung wert.
Doch wer Handkes frühere Bücher nüchtern gelesen hat, den kann es nicht wundern,
daß ein solches Thema seine Möglichkeiten übersteigt – die künstlerischen wie die
intellektuellen.136
offensichtlichen Niederlagen in heimliche Siege ummünzen möchten, ist er selber auf der
Suche nach einem Ausweg.“
132 Ebd.
133 Zum ‚Realismus-Problem‘ in der Rezeption von Langsame Heimkehr vgl. den aufschlussreichen
Kommentar in Pfister: Handkes Mitspieler (Anm.
125), S.
144 – 157, zu Reich-Ranicki dabei ins-
bes. S. 147 f.
134 Reich-Ranicki: Peter Handke und der liebe Gott (Anm. 129).
135 Ebd.
136 Ebd.
„Mein Feind in Deutschland“: Peter Handke vs. Marcel
Reich-Ranicki172
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471