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dem Start des Quartetts – die erste Sendung wurde im März 1988 ausgestrahlt –
hatte Handke in einem Journaleintrag vom 29.
April 1987 bereits vielsagend und
klar referenzierbar festgehalten: „‚Sich ein Buch vornehmen‘, sagte gestern abend
im Fernsehen der in der Rolle eines Kritikers auftretende Wahnsinnige: ‚Wenn
ich mir ein Buch vornehme …‘“.247 Am Vorabend des Eintrags hatte die ARD
die Dokumentation Der Literaturpapst. Auseinandersetzungen mit dem Kritiker
Marcel Reich-Ranicki (Regie: Martin Lüdke) erstmals ausgestrahlt.248 Handkes
Notat war demnach eine unmittelbare Reaktion auf das Gesehene.
Im Oktober 1989, ein halbes Jahr nach Erscheinen des ZEIT-Interviews mit
André Müller, folgte der erste Angriff Reich-Ranickis auf Handke im Literari-
schen Quartett. Bereits einleitend spottete er über „das große[
] Werk“ Handkes,
weil dieses nur „31 Maschinseiten Manuskript“ umfasse,249 unterbrach in der
Folge Sigrid Löfflers Vorstellung des Buches mehrmals mit despektierlichen
Einwürfen
– „ich meine, das ist doch Schwachsinn, das ist doch schrecklich“ 250
–
und machte sich, an die passionierte Handke-Leserin Löffler gewandt, erneut
In: Machen – Erhalten – Verwalten. Aspekte einer performativen Literaturgeschichte. Hg. v.
Burckhard Dücker. Göttingen: Wallstein 2016, S. 61 – 68, hier S. 65, über die Rolle des „zum
Entertainer aufgestiegenen Kritiker[s]“; Baumgart: Damals (Anm.
9), S.
198, hat Reich-Ranickis
Auftritte im Fernsehen als „ein mimisches, gestisches, hochtheatralisches eher als argumenta-
tives Ereignis“ bezeichnet.
247 Peter Handke: Am Felsfenster, morgens. In: manuskripte 27 (Oktober 1987), H. 97, S. 3 – 9,
hier S.
8; in der 1998 erschienenen Buchfassung wird das Kritiker-Zitat abschließend mit dem
Wort „Drohung“ versehen: „‚Wenn ich mir ein Buch vornehme‘: Drohung“ (Handke: Am
Felsfenster morgens [Anm.
223], S.
471). Vgl. dazu noch Peter Handke/Peter Hamm: Es leben
die Illusionen. Gespräche in Chaville und anderswo. Göttingen: Wallstein 22008, S. 164 f., wo
Handke im Gespräch mit Peter Hamm die Kritik an Reich-Ranickis Vokabular und Rollenver-
ständnis mit der Apotheose einer anderen (d. h. seiner) Idee von Literatur kontrastiert: „Wenn
der große Bücher-sich-Vornehmer, wie er sich selbst nennt, da in Deutschland, über Günter
Grass sagt, keiner beherrsche die deutsche Sprache so wie Günter Grass, dann weiß ich schon:
Also, wenn einer die deutsche Sprache ‚beherrscht‘, da kann nicht viel in dem Buch leben, in
Büchern leben. Die Sprache soll leben! Leben und leben lassen. Und rhythmisieren. Und Luft
durchgehen lassen.“
248 Vgl. Gesellschaft für Exilforschung: Nachrichtenbrief 1984 bis 1993 mit Gesamtregister. Bd. 1.
Redaktion: Ernst Loewy. München u. a.: Saur 1995, S. 162.
249 Marcel Reich-Ranicki: Peter Handke, Versuch über die Müdigkeit im Literarischen Quartett
[ZDF], Sendung Nr. 7, 12. 10. 1989. In: https://www.youtube.com/watch?v=DC9sROS0Poo
(Stand 14. 10. 2020), 23:29 – 23:40. Eine vollständige Transkription der Sendung findet sich
in: Das Literarische Quartett. Gesamtausgabe aller 77 Sendungen von 1988 bis 2001. 3 Bde.
Berlin: Directmedia 2006, hier Bd. 1, S. 181. – Ansätze zu einer linguistischen Analyse der
Debatte zu Versuch über die Müdigkeit hat Susanne Pütz: „Das Literarische Quartett“ –
Elite-Show oder Show-Elite. In: Arbeitshefte Bildschirmmedien (1990), H.
21, S.
16 – 63, hier
S. 29 f., vorgelegt.
250 Reich-Ranicki: Peter Handke, Versuch über die Müdigkeit (Anm. 249), 25:25 – 25:30; vgl. Das
Literarische Quartett. Bd. 1 (Anm. 249), S. 181.
„Mein Feind in Deutschland“: Peter Handke vs. Marcel
Reich-Ranicki194
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471