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sein,342 kam aber trotzdem zu einem ernüchterten Fazit: „Ich hätte nie freiwillig
das Buch gelesen, ich finde es bis zur Seite fünfzig einigermaßen erträglich, was
weiter kommt – bitte explodieren Sie nicht – ist meiner Ansicht nach schlechte,
gläubige Literatur, sprachlich sehr fragwürdig und furchtbar langweilig.“ 343 Was
seine Ablehnung angeht, erwies sich Reich-Ranicki, aller Transformationen in
Handkes Poetik, aller Varianz seiner Erzählverfahren zum Trotz, als ein Meister
der Beständigkeit, der die immer gleichen Vorwürfe gegen die Texte des Autors
erhob. Ein knappes halbes Jahr nach der Diskussion des Apotheker-Romans im
Literarischen Quartett hat Reich-Ranicki in einem Interview mit dem Spiegel
als Reprise früherer Kritiken noch einmal auf die ‚Langweiligkeit‘ von Handkes
Arbeiten schon Mitte der 1960
Jahre
– hier konkret bei der Princetoner Tagung der
Gruppe 47
– hingewiesen: „Peter Handke war zuvor durchgefallen mit einem sehr
langweiligen Text. Er meldete sich plötzlich und sagte in einem weinerlich-infan-
tilen Ton, die Literatur, die vorgelesen wurde, sei ‚Beschreibungsliteratur‘. Damit
charakterisierte er vor allem seinen eigenen Text.“ 344 In diesem Zusammenhang
hatte Sigrid Löffler Reich-Ranicki bereits 1990 im Literarischen Quartett – als
dieser sich erneut „sehr gelangweilt“ von Handkes Büchern zeigte,345 ohne die
Kriterien seines Urteils offenzulegen – ans Herz gelegt, dem Autor „mal etwas
ganz anderes [zu] verübeln“, anstatt die über Jahrzehnte kaum variierten Vor-
würfe bloß zu recyceln.346
2007 ist Handke, neuerlich im Gespräch mit André Müller, noch einmal auf
die als elementare Bedrohung seiner Autoren-Existenz erlebte Auseinanderset-
zung mit Reich-Ranicki zu sprechen gekommen: „Früher, als ich so dreissig, vier-
zig war, da habe ich schon manchmal bösartig losgelegt. Da wollte ich jemanden
zwar nicht vernichten, aber weghaben von mir. Aber dann hat der andere, zu
Recht, mich vernichten wollen.“ Auf die Nachfrage Müllers, sich doch genauer
zu erklären, erwiderte Handke: „Lassen Sie mich mit diesem Knickerbocker
in Frieden! Ich bin froh, dass ich an diesen armen Menschen schon lang nicht
mehr denken muss.“ 347
342 Reich-Ranicki: Handke, In einer dunklen Nacht (Anm. 337), 18:45 – 18:49; vgl. Das Literarische
Quartett. Bd. 2 (Anm. 249), S. 603.
343 Reich-Ranicki: Handke, In einer dunklen Nacht (Anm. 337), 19:26 – 19:50; vgl. Das Literarische
Quartett. Bd. 2 (Anm. 249), S. 603.
344 N. N.: „Mancher Dichter fand es grausam“. Interview mit Marcel Reich-Ranicki über die „Gruppe
47“, ihre Autoren und ihren Gründer. In: Der Spiegel, Nr. 36, 1. 9. 1997, S. 214 – 219, hier S. 215.
Auf S.
218 druckte der Spiegel ein Foto Handkes mit dem Untertitel „Tagungsteilnehmer Handke
(1966) / Weinerlich-infantiler Ton“.
345 Reich-Ranicki in: Das Literarische Quartett. Bd. 1 (Anm. 249), S. 290.
346 So Sigrid Löffler ebd.
347 Müller/Handke: „Ein Idiot im griechischen Sinne“ (Anm. 28), S. 55.
„Mein Feind in Deutschland“: Peter Handke vs. Marcel
Reich-Ranicki214
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471