Seite - 299 - in Strategen im Literaturkampf - Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
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das silberboot reaktiviert und sich, u. a. mit dem Abdruck von Texten Hermann
Brochs, Franz Kafkas und Robert Musils, der „verschüttete[n] Tradition der
österreichischen Moderne“ angenommen,92 zeigte das Salzburger Lesungspro-
gramm der 1950er Jahre eine recht deutliche konservative und literarisch biedere
Schlagseite. Bernhards Eloge auf Lorenz Macks Roman Das Glück wohnt in den
Wäldern… mutet, zumal mit Blick auf die spätere Agitation gegen Natur, Hei-
mat und ländliche Behaglichkeit, in seiner naiven Positivität beinahe kurios an:
Hier wird uns der Wald mit seinen tausend und abertausend Wundern geschildert,
mit seinen frühen und späten Wandlungen im Laufe der Jahreszeiten, das Glück und
Unglück zweier Liebender, die schließlich – nach den immer wiederkehrenden Ent-
täuschungen
– im Glauben an die Größe und Schönheit des Lebens aufgehen. Größe
und Schönheit des Lebens, das kann uns ergreifen, zum Guten stimmen
… Ohne Effekt
geschrieben, nur „aus sich selbst gewachsen“, könnte man zu diesem Buch sagen, das
uns in dieser Zeit der inneren Unruhe selbst wie eine wunderbare Lichtung im Wald
der jungen Literatur dünkt (in dem nicht immer das Glück wohnt), in der wir getrost
und liebend ruhen können. (TBW 22.1, 89)
Seine nachträglichen Bemühungen, „diese Jahre umzudeuten und sich als einen
frühreifen Querulanten und Skeptiker darzustellen“, stehen zu den überlieferten
Texten der ersten Hälfte der 1950er Jahre in denkbar großem Kontrast.93 Bernhards
Arbeiten für das Demokratische Volksblatt verraten einige „Unsicherheit in Wer-
tungsfragen“;94 zudem sind sie Ausdruck einer nicht nur in Salzburg, sondern
in großen Teilen der österreichischen Kulturlandschaft der Nachkriegszeit vor-
herrschenden „restaurative[n] Tendenz“.95 Hans Höller hat in seiner Biographie
einen Teil der journalistischen Beiträge des Autors als geradezu „unerträglich
positiv“ beschrieben.96
Kritik an den lesenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern übte Bernhard
im Demokratischen Volksblatt meist „vornehm zurückhaltend“ 97 bzw. in recht all-
gemeiner Form: „Es gibt viel Spreu unter dem dünngesäten Weizen“ (TBW 22.1,
88). Lediglich in einem kurzen Lesungsbericht vom 2. April 1954 formuliert er
92 Wendelin Schmidt-Dengler: Bruchlinien. Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis
1990. Salzburg, Wien: Residenz 1995, S.
52. Dazu auch Hildemar Holl: Literaturgeschichte Salz-
burgs von 1945 bis zur Gegenwart. In: Salzburg. Zwischen Globalisierung und Goldhaube. Hg.
v. Ernst Hanisch u. Robert Kriechbaumer. Wien u. a.: Böhlau 1997, S. 671 – 734, hier S. 675 f.
93 Klug: Thomas Bernhards Arbeiten (Anm. 28), S. 137.
94 Polt-Heinzl: Thomas Bernhard betritt die Wiener Szene (Anm. 66), S. 59.
95 Billenkamp: Thomas Bernhard (Anm. 14), S. 57.
96 Höller: Thomas Bernhard (Anm. 76), S. 51.
97 Manfred Mixner: Vom Leben zum Tode. Die Einleitung des Negations-Prozesses im Frühwerk
von Thomas Bernhard. In: Bernhard. Annäherungen (Anm. 51), S. 65 – 97, hier S. 66.
Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 299
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471