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er zwischenzeitlich konstatiert hatte, „Dichten“ sei „sicher das Schwierigste“, ja
„mindestens so schwer, wie zehn Kinder gleichzeitig an verschiedenen Orten
zu erhalten und zu betreuen“ (eine Verlegenheit, in die Bernhard nie kommen
sollte), hinzu: „Und dann, heraus, neu, völlig verwandelt. Das beschäftigt mich
die ganze Zeit.“ 206 Diese spektakuläre Verwandlung sollte ihm erst fünf Jahre
später, mit dem Erscheinen von Frost, gelingen.
Hieß es 1953 in einem Artikel zur Salzburger Buchwoche noch, die Dichtung
sei gerade deshalb nicht „ausgestorben“, weil sich das ‚Neue‘ „an das vertraute
Alte“ anschließe (TBW 22.1, 311), zeigt sich in späteren Texten
– etwa in Ein Wort
an junge Schriftsteller (1957)
– bereits jener polemische Gestus, der ab Mitte der
1960er Jahre im Zusammenspiel von Provokation und Innovation zum spezi-
fischen „Erkennungszeichen“ 207 des Autors werden sollte. Texte wie die Erzäh-
lung Ein junger Schriftsteller (1965), in der sich ein Autor „fast drei Jahrzehnte“
„die Welt und die Atmosphäre um sie herum als eine höchst sinnvolle vorset-
zen“ hat lassen, um sich ihr schließlich zu verweigern (TBW 14, 368), können
als narrative Inszenierung bzw. literatursoziologisch als ‚Selbstobjektivierung‘208
der eigenen Entwicklung gelesen werden. In diesem Zusammenhang ist Bern-
hards aggressive Rhetorik gegen Österreich und die restaurativen Tendenzen
im österreichischen Kulturbetrieb auch als autoreflexiver Kommentar gedeutet
worden, als „Selbstdistanzierung von der einstmals naiv reproduzierten Hei-
mat-Ideologie“ 209 bzw. als „Polemik des Autors gegen sich selbst“.210 „Es schien
mir beim Lesen von Thomas Bernhard oftmals so, daß diese Sätze übriggeblie-
bene Negationen waren“, so Arnold Stadler in seiner Abrechnung mit Bernhard
zugunsten des von ihm favorisierten Adalbert Stifter, „Reaktionen auf Zurück-
weisungen früherer Affirmationen, von einem ursprünglichen Ja-Sagen, das
niemand hören wollte.“ 211
206 Ebd., S. 19 f.
207 Vgl. Pierre Bourdieu: Das literarische Feld. In: P. B.: Kunst und Kultur (Anm.
193), S.
339 – 447,
hier S. 392.
208 Vgl. Bourdieu: Die Regeln der Kunst (Anm.
193), S.
54 f. Dazu auch Kap.
VII, Abschnitt „Zwi-
schen ‚Geisteskunst‘ und ‚Selbstkorrektur‘: Szenen prekärer Autorschaft“; Kap. IV, Abschnitt
„‚ekelhaft ekelhaft ekelhaft‘: Kritiken auf der Bühne“.
209 Töteberg: Höhenflüge im Flachgau (Anm. 162), S. 9.
210 Klug: Thomas Bernhards Arbeiten (Anm.
28), S.
137. Vgl. auch ders.: Thomas Bernhards Theater-
stücke. Stuttgart: Metzler 1991, S. 8: „Bernhards spätere Attacken gegen alles Österreichische,
gegen Provinzialismus und trügerische Selbstgewißheit richten sich […] unausgesprochen
auch gegen Vorstellungen, die sein eigenes Denken jahrelang bestimmt haben. Die Heftigkeit
seiner Angriffe muß“, so Klug, „nicht zuletzt auf das Gefühl zurückgeführt werden, betrogen
und ideologisch verführt worden zu sein.“
211 Arnold Stadler: Mein Stifter. Porträt eines Selbstmörders in spe und fünf Photographien. Köln:
DuMont 2005, S. 160.
„Zeitungsg’schicht’ln“: Thomas Bernhard als
Literaturkritiker328
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471