Seite - 169 - in Strategen im Literaturkampf - Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
Bild der Seite - 169 -
Text der Seite - 169 -
Frau‘ offeriert er nun ein Journal mit dem anspruchsvollen Titel ‚Das Gewicht
der Welt‘, das spontane Aufzeichnungen zweckfreier Wahrnehmungen enthält.“ 117
Aus seiner vehementen Ablehnung des kurz zuvor im Salzburger Residenz Ver-
lag erschienenen Bandes Das Gewicht der Welt machte Reich-Ranicki keinen
Hehl. Ihm galt, ebenso wie anderen Rezensenten,118 die radikale Introspektion
des Journals, die „Reportage eines Einzel-Bewußtseins, veröffentlicht als Buch“,119
als Irrweg eines narzisstischen Autors, die von Handke forcierte „Befreiung von
gegebenen literarischen Formen“ als bemühter, aber unproduktiver Ansatz.120
In einer Notiz zu einem Gespräch mit Peter Handke im Juni 1978 hielt Siegfried
Unseld die tiefsitzende Verletzung des Autors gerade angesichts von Reich-
Ranickis Kritik der Linkshändigen Frau fest, die gut eineinhalb Jahre nach der
Veröffentlichung offensichtlich immer noch sehr präsent war:
Und dann, nach einigen Gläsern Wein, äußerte sich bei ihm ein Haß gegen die Bundes-
republik, ein Land, das zu nichts mehr fähig sei, ein Kadaver, eine vom Erdbeben
verwüstete Gegend.
[…] Und sofort fügte er hinzu: in der Bundesrepublik ist Größe
nicht mehr möglich. Auslösender Moment für diesen Haß ist die Behandlung seiner
‚Linkshändigen Frau‘, die Behandlung des Buches durch die ‚FAZ‘ und die Behand-
lung des Filmes durch die Kritiker.121
Ende der 1970er Jahre schließlich sollte sich das Verhältnis zwischen Handke
und Reich-Ranicki in einer Weise zuspitzen, die deshalb besondere Aufmerk-
samkeit verdient, weil die Eskalation der Beziehung zwischen Autor und Kriti-
ker mit einer grundlegenden Neuausrichtung von Handkes Schreiben zusam-
menfällt. Sie verläuft zudem parallel zur Entzweiung zwischen Handke und
Thomas Bernhard, dessen autobiographische Bände Reich-Ranicki im April 1978
zu „den großen literarischen Dokumenten unserer siebziger Jahre“ rechnete.122
117 Marcel Reich-Ranicki: Deutsche Literatur 1977. Ein Überblick aus Anlaß der Frankfurter Buch-
messe. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 10. 1977.
118 Vgl. etwa Ulrich Greiner: Peter Handke und das Glücksgefühl, eine Flasche Mineralwasser
anschauen zu können. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. 10. 1977; Hans Christoph Buch:
Der vollkommene Schauspieler. Über Peter Handke: Das Gewicht der Welt. In: Der Spiegel,
Nr.
37, 5. 9. 1977, S.
197 – 201; Reinhold Tauber: Ein Talent macht Pause. Ein „Journal“ läßt erken-
nen: Peter Handke tritt auf der Stelle. In: Oberösterreichische Nachrichten, 5. 10. 1977.
119 Handke: Das Gewicht der Welt (Anm. 99), S. 6.
120 Ebd., S.
5. Vgl. dazu Hage/Schreiber: Marcel Reich-Ranicki (Anm.
57), S.
108: „Das Skizzenhafte
und Ungeordnete dieses Werks [i. e. Das Gewicht der Welt] war Reich-Ranickis Sache nicht.“
121 Unseld: Peter Handke, 23.
Juni 1978. In: Handke/Unseld: Der Briefwechsel (Anm.
60), S.
346 f.
122 Marcel Reich-Ranicki: In entgegengesetzter Richtung. [1978] In: M. R.-R.: Thomas Bernhard.
Aufsätze und Reden. Mit Fotografien v. Barbara Klemm. Zürich: Ammann 1990, S.
43 – 58, hier
S. 58. Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre 169
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471