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die Augen und traf auf ein Glimmen. […] Sein Leib war kurzhaarig, glatt und gelb-
gestromt; der After markiert von einem papierbleichen Kreis; die Rute fahnenlos.173
Die Konfrontation von Mensch und Hund erweist sich in der Folge nicht bloß
als beiläufige Episode, vielmehr als sorgsam durchkomponierte und anspielungs-
reiche Verteidigung einer Poetik, als Kampf gegen einen Kontrahenten, von dem
man erzählen muss, um über ihn hinwegzukommen: „Ich kann nicht weiter, ehe
ich den nicht los bin.“ 174 Die Unvereinbarkeit im Habitus und die gegensätzlichen
literarischen Ästhetiken der beiden Antagonisten werden von Handke in einer
Vielzahl von Details ins Spiel gebracht:175
Als der böse Lärm wieder einsetzte, verschwand die Landschaft in einem einzigen
Strudel aus Bombentrichtern und Granatlöchern.
[…] Danach stand er still drohend
und las aufmerksam und lange in meinem Gesicht, doch einzig nach Zeichen der
Angst und der Schwäche. Ich begriff: Er meinte gar nicht mich-im-besonderen, son-
dern sein Blutdurst war hier auf dem Territorium der Fremdenlegion, wo nur mehr
das Kriegsrecht galt, auf jeden dressiert, der, unbewaffnet und ohne Uniform, bloß war,
der er war. (Wenigstens einen müßte es doch geben, der unbewaffnet bliebe, schrieb
diesbezüglich einmal ein solch ein bloßes Ich.) Er, der Wachhund, im Gelände; und
ich im Gefilde (für das er naturgemäß keine Augen hatte, weil das Wirkliche für ihn
einzig sein Sperrgebiet war) […].176
Der Hinweis, wonach auf dem „Territorium“ der gegenwärtigen Konfronta-
tion „nur mehr das Kriegsrecht“ gelte, verweist auf den existentiellen Ernst
der Situa
tion. Die abschließende Wendung über den Wirklichkeitsbegriff des
‚Wachhundes‘ lässt sich mit Reich-Ranickis gängiger Praxis in Beziehung setzen,
„die künstlerische Gestaltung literarischer Figuren an seinen Vorstellungen
eines adäquaten Verhaltens in der Realität“ zu messen;177 ganz in diesem Sinne
173 Ebd., S. 56 f.
174 Ebd., S. 53.
175 Vgl., v. a. mit Blick auf Handkes Poetik der Naturräume, Kurz: Bild-Verdichtungen (Anm.
148),
S. 99.
176 Handke: Die Lehre der Sainte-Victoire (Anm. 10), S. 56 – 58.
177 Wolf: Autonomie und/oder Aufmerksamkeit? (Anm.
4), S.
55, Anm.
48. Vgl. dazu auch Huber:
Versuch einer Ankunft (Anm.
170), S.
218: „Der Hund steht
[…] für die Übermacht des Reali-
tätsprinzips des Bösen über das Idealitätsprinzip der Kunst.“ Eine noch einmal anders akzen-
tuierte Lesart schlägt Hans Höller: Geschichtsbewusster Kosmopolitismus. Peter Handkes
Raum- Poetik. In: Der Dichter als Kosmopolit. Zum Kosmopolitismus in der neuesten öster-
reichischen Literatur. Hg. v. Patricia Broser u. Dana Pfeiferová. Wien: Praesens 2003, S.
51 – 66,
hier S.
62 f., vor, der in der Hunde-Episode der Lehre der Sainte-Victoire das „friedliche[
] Welt-
gesetz“ des Autors „einer äußersten Re-Realisierung ausgesetzt“ sieht.
„Mein Feind in Deutschland“: Peter Handke vs. Marcel
Reich-Ranicki180
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471