Seite - 234 - in Strategen im Literaturkampf - Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
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Beispielgebend für spätere Reflexionen über das Lesen, zumal für die zahlrei-
chen Notate zu diesem Themenkomplex in den Journalbänden, entwirft Handke
hier die Idee einer Lektüre, die die Bedeutung eines Buches für den Leser, Autor
und Kritiker nicht mittels eines streng analytisch-distanzierten Verfahrens zu
ermitteln versucht, sondern ganz wesentlich auf die Vermittlung und Beschrei-
bung eines subjektiven Leseerlebnisses setzt. Ausgehend von dieser grundsätz-
lichen Überzeugung fand Handke, wie Manfred Mixner anschaulich gezeigt
hat, zu „einem eigenständigen essayistisch-literarischen Verfahren“, das „ganz
und gar nicht den Normen literaturwissenschaftlicher [und literaturkritischer]
Praxis“ entsprach.64 Varianten dieses Verfahrens, die er in Reflexionen über
das Genre der Kritik wie in eigenen Arbeiten über Literatur erkundet, finden
sich etwa in den frühen Essays zu Thomas Bernhards Verstörung (1967) und
Gert Jonkes Geometrischem Heimatroman (1969). Das Gravitationszentrum
der Beschreibung bildet dabei das „Ereignis des Lesens“;65 als Leitbild einer
solchen Praxis hatte Handke im Disput mit Peter Hamm bereits 1969 die Idee
einer „andere[n], vielleicht den Leser freier lassende[n] Möglichkeit der Kri-
tik“ 66 in Aussicht gestellt.
Noch 2005 hat Peter Handke, im Gespräch mit dem österreichischen Jour-
nalisten Heinz Sichrovsky, eine der emphatischen Lektüre verpflichtete Litera-
turkritik gefordert:
Das Schönste an Rezensionen ist, wenn man das Lesen spürt. Nicht das Auseinander-
klauben, das Loben, das Tadeln, sondern das Lesen. Nur dann hat ein Rezensent einen
Sinn. Auch, wenn er zornig ist. Dann spürt man den zornigen Leser. Aber den Leser
muss man spüren, nicht den Rezensenten.67
Die „Expedition des Lesens“,68 von der Handke in Mein Jahr in der Niemands-
bucht (1994) schreibt, ist für ihn keine, die auf exakte Instrumente und Karten
vertrauen kann. Ebenso wie das Schreiben, das Handke an zahlreichen Stellen
noch mild von der überstandenen Unruhe – und da läse ich nicht mehr, sondern empfände
einfach nur Glück. ‚Das ist es!‘ sagte Lenz überrascht und doch selbstbewußt.“ (Ebd., S. 98 f.)
64 Mixner: Peter Handke (Anm. 10), S. 208.
65 Lothar Struck: Der Begleitschreiber. Einige Bemerkungen zum Kritiker und Leser Peter Handke.
In: L. S.: Erzähler, Leser, Träumer. Begleitschreiben zum Werk von Peter Handke. Mit einem
Vorwort v. Klaus Kastberger. [Klipphausen]: Mirabilis 2017, S. 13 – 27, hier S. 22.
66 Peter Handke über Peter Handke. In: konkret, Nr. 13, 16. 6. 1969, S. 51; auch in: Über Peter
Handke. Hg. v. Michael Scharang. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972, S. 314 – 319.
67 Heinz Sichrovsky: „Ich bin ein konservativer Mensch“. Gespräch mit Peter Handke. In: News,
Nr. 39, 29. 9. 2005, S. 144 – 148, hier S. 146.
68 Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus der neuen Zeit. Frankfurt
a. M.: Suhrkamp 1994, S. 185.
Peter Handkes Gegenmodelle zur zeitgenössischen
Literaturkritik234
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471