Seite - 316 - in Strategen im Literaturkampf - Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
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Volksblatt nur wenig gemein. Während in Handkes Kritiken immer auch grund-
legende Fragen filmischer Ästhetik (Kameraführung, literarisches vs. filmisches
Erzählen, ‚Natürlichkeit‘ vs. ‚Künstlichkeit‘, Repräsentation außerfilmischer Wirk-
lichkeit etc.) und soziologische Aspekte des Kinos verhandelt werden,160 erweist
sich Bernhard in seinen Texten als nicht eben versierter Cineast. Wohl auch
bedingt durch die Vorgaben einer Regionalzeitung 161 formulieren sie landläufige
und stereotype Beobachtungen zu den besprochenen Filmen, etwa wenn dem
Hollywood-Film Trommeln in der Nacht (orig. Savage Drums, USA 1951, Regie:
William Berke) am 16. September 1953 bescheinigt wird, dass darin „keine ein-
zige Aufnahme“ „echt“ sei:
Eine Anzahl (scheinbar) schöner Frauen flimmert vorüber, es wird geschossen, schlecht
getanzt und Wein getrunken – und alles innerhalb einer öden, zum Gähnen anre-
genden „Handlung“, die einmal zeigt, wie schwer es heutzutage ist, ein handfestes
Drehbuch-Manuskript auf den Tisch zu bekommen. (TBW 22.1, 249)
Die Bandbreite der Urteile reicht von recht allgemeiner Zustimmung
– „Erlebnis
sondergleichen“ (TBW 22.1, 283), „gut und sehenswert“ (TBW 22.1, 296), „[e]iner
der wenigen Filme“, die „gut sind und Geschmack beweisen“ (TBW 22.1, 347),
„eine unterhaltsame Filmgeschichte für den Sonntag“ (TBW 22.1, 351) – bis hin
zu deutlicher Kritik, wenn von „geballte[r] Rührseligkeit“ (TBW 22.1, 252) oder
„grausige[r] Geschmacksverwirrung“ (TBW 22.1, 264) die Rede ist. In Franz
Antels Kaiserwalzer (1953), einem Paradebeispiel der kulturellen Restauration
nach 1945, sieht Bernhard zwar einzelne hervorragende „schauspielerische[ ]
Leistungen“, kann dem Film ansonsten aber wenig Positives abgewinnen, „weicht
der Streifen“ doch, so seine ernüchterte Feststellung, „kaum von dem guten
vorhergegangenen Dutzend Liebesfilmen der monarchischen Erzherzoge ab“
(TBW 22.1, 252). Antels nächstes Werk, Die süßesten Früchte (1954), führte bei
Bernhard schließlich zu noch größerer Verstimmung: „Dieser geschmacklose
Mischmasch, der sich in uralten schlechten Witzen erschöpft, kann selbst dem
standhaftesten Kinobesucher den Saft hochgehen lassen.“ (TBW 22.1, 360) Für
manche Filme findet er in seinen Kurzkritiken zwar freundliche Worte – „eine
wirkliche Filmkomödie“, „die sich sehen lassen kann“
–, zur Verfilmung von Curt
160 Vgl. etwa Peter Handke: Probleme werden im Film zu einem Genre. In: film 6 (August
1968), H. 8, S. 10; ders.: Vorläufige Bemerkungen zu Landkinos und Heimatfilmen. In: film
6 (November 1968), H. 11, S. 10 u. 37; ders.: Augsburg im August: trostlos. In: film 7 (Januar
1969), H. 1, S. 30 – 32; ders.: Dummheit und Unendlichkeit. In: film 7 (März 1969), H. 3,
S. 10 – 11.
161 Vgl. Dittmar: Thomas Bernhard als Journalist (Anm. 51), S. 29, wonach „analytische Kritik in
einer Zeitung wie dem Demokratischen Volksblatt gar nicht erwünscht“ gewesen sei.
„Zeitungsg’schicht’ln“: Thomas Bernhard als
Literaturkritiker316
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471