Seite - 380 - in Strategen im Literaturkampf - Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
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gearbeitet worden, das Alte war klägliches Zeug.“ 121 Die beständige Selbstkritik
des Autors forderte ihn zu immer neuen Überarbeitungen heraus; diese haben,
um eine Bemerkung von Ernst Osterkamp aufzugreifen, nicht unwesentlich zur
„stilistischen Verkauztheit“ 122 des Witiko beigetragen. Und: Es waren gerade diese
Ankündigungen von „Neuschrift“, „Umänderung“ und „Ausfeilung“,123 die die
Verleger Stifters und Bernhards, Gustav Heckenast und Siegfried Unseld, im 19.
wie im 20. Jahrhundert gleichermaßen der Verzweiflung nahe brachten.
Bernhard, dessen Protagonist Reger in Alte Meister (1985) zähneknirschend
eingestehen muss, mit dem „Provinzdilettant[en]“ Stifter „verwandt“ zu sein
(TBW 8, 47 u. 62),124 inszeniert im und um den zehn Jahre davor erschienenen
Roman Korrektur eine Problematik, die einige ihrer Parameter mit den Schreib-
und Überarbeitungsnöten Stifters teilt, verschiebt diese aber durch Zuspitzung
und Radikalisierung noch stärker ins Existentielle, ins Existenzbedrohende. Im
Gewand der Fiktion reflektiert Bernhard nicht nur den wechselvollen Entste-
hungsprozess des Buchs selbst,125 sondern er stellt den Drang zum fortwährenden
Korrigieren ganz allgemein ins Zentrum der Romanhandlung. Der Erzähler der
Korrektur schildert, gestützt auf den Nachlass seines Freundes Roithamer, den
Prozess der Bearbeitung eines Manuskripts als unabschließbare bzw. nur mit der
vollständigen Durchstreichung des Werks, seiner Vernichtung, zu bewerkstelli-
gende Destruktionsbewegung.126 Er fasst den Entschluss, durch die „sogenannte
121 Stifter an Heckenast, 4. 2. 1866. In: ebd., S. 148.
122 Ernst Osterkamp: Ist da ein Mensch? Was geschieht, wenn man dem eigenen Lieblingsbuch,
dem Nachsommer, untreu wird und Adalbert Stifters Witiko liest. In: Frankfurter Allgemeine
Zeitung, 5. 8. 2017.
123 Stifter an Heckenast, 6. 10. 1865. In: Stifter: Sämmtliche Werke. Bd. 21 (Anm. 116), S. 28.
124 Zur „unerhörte[n] Nähe und Verwandtschaft“ zwischen Bernhard und Stifter vgl. Arnold
Stadler: Mein Stifter. Porträt eines Selbstmörders in spe und fünf Photographien. Köln: DuMont
2005, S. 164 u. passim; zu Bernhards Polemiken gegen Stifter außerdem Markus Kreuzwieser:
Epochendialoge. Noch einmal: Adalbert Stifter und die Gegenwartsliteratur unter besonderer
Berücksichtigung der Stifter-Lektüren Thomas Bernhards. In: ide. Informationen zur Deutsch-
didaktik 29 (2005), H. 1, S. 82 – 95; Stefan Krammer: Bernhards unsanftes Gesetz. Ein Stifter-
experiment. In: Thomas Bernhard Jahrbuch 2005/2006, S. 75 – 85.
125 Vgl. den Kommentar in TBW 4, 321: „[D]er Blick in die Verlagskorrespondenz zeigt, daß die
im Roman thematisierten Fragen nicht beliebig gewählt wurden, sondern in entscheidenden
Punkten
– von den Schwierigkeiten mit dem Verfassen einer Schrift, insbesondere deren Beginn
und Abschluß, bis zur richtigen Verwendung von Textfragmenten – frappante Parallelen zur
Entstehungsgeschichte aufweisen.“ Bernhard habe die Entstehung und Überarbeitung des
Romans seinem Verleger gegenüber „mit Sätzen“ beschrieben, „die direkt aus dem Roman zu
stammen scheinen“ (TBW 4, 335).
126 Gößling: Thomas Bernhards frühe Prosakunst (Anm. 113), S. 314, hat darauf hingewiesen,
dass – aller Korrektur-Rhetorik Bernhards zum Trotz – der Roman neben „semantische[n]
und syntaktische[n] Irregularitäten“ auch eine Reihe „inhaltlicher Widersprüche“ aufweist; dies
führe, so Gößling, zur Frage, „inwieweit solch unkontrolliertes Zerbersten des Fiktionsgefüges
Rezensionen, die keine sind: Kritik und Selbstkritik bei Thomas
Bernhard380
© 2021 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, 1080 Wien
https://doi.org/10.7788/9783205212317 | CC BY-NC-ND 4.0
Strategen im Literaturkampf
Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Titel
- Strategen im Literaturkampf
- Untertitel
- Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik
- Autor
- Harald Gschwandtner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21231-7
- Abmessungen
- 15.7 x 23.9 cm
- Seiten
- 482
- Schlagwörter
- Kulturjournalisten, Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, Peter Handke, Thomas Bernhard
- Kategorie
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- VORWORT 9
- I „SCHREIBEN IST EIN FÜNFKAMPF“: EINE ART EINLEITUNG 13
- II „ICH KANN MICH DAMIT SCHWER ABFINDEN“:KRITIK DER KRITIK ALS WERKPOLITIK 27
- Legitimationen und Strategien 27
- Einsprüche gegen die Kritik: eine verbotene Übung (Verstörung) 34
- „Über diesen Roman wären nicht so viele böse Worte zu verlieren …“: Handkes Hornissen nach Princeton 39
- Fronten, Verbündete, Kampfbegriffe 49
- Ein Buch „rehabilitieren“? (Die Hornissen, Der Hausierer) 55
- III UNFREUNDLICHE BETRACHTUNGEN: EINWÄNDE GEGEN DIE LITERATURKRITIK 63
- Sehlustfeindliche Schwätzer 63
- Vom Zeitungswahnsinn bedroht (Wittgensteins Neffe, Nachmittag eines Schriftstellers) 70
- „vollkommen humorlos und blöd“: Bernhard und die Literaturkritik 82
- „vom peinlichsten Lob bis zum bösartigsten Verriß“: Bernhard liest Rezensionen (Frost) 87
- „unbeholfener lyrischer Unsinn“: Bernhard redigiert eine Kritik – mit einem Exkurs zu Elias Canetti 95
- „ekelhaft ekelhaft ekelhaft“: Kritiken auf der Bühne (Der Ignorant und der Wahnsinnige, Minetti, Über allen Gipfeln ist Ruh) 103
- Von der Dürre der Theaterkritik oder: Landwirte und Rezensenten 112
- Nur selten ein Sommerhemd: Handke liest Rezensionen 117
- Literaturkritik als ‚leeres Geschäft‘: Handkes Vorarbeiten im Radio 120
- „Ihr wart Vollblutschauspieler“:Handke und die Phrasen der Kritik (Publikumsbeschimpfung) 126
- „Solche Wörter sollte man euch verbieten“ oder:Erstsprache vs. Zweitsprache 129
- Einwenden und Hochhalten: Handkes Rede gegen die Literaturkritik 133
- IV „MEIN FEIND IN DEUTSCHLAND“: PETER HANDKE VS. MARCEL REICH-RANICKI 141
- Princeton 1966 und die Folgen 141
- Poetik und Polemik oder: Das Problem der ‚Natürlichkeit‘ 150
- Die „ästhetischen Gewissensbisse“ des Peter Handke (Wunschloses Unglück) 156
- Schleichende Eskalation: die 1970er Jahre (Die linkshändige Frau, Das Gewicht der Welt) 159
- „schiefe Bilder und preziöse Vergleiche“ (Langsame Heimkehr) 170
- Die Bestie von Puyloubier (Die Lehre der Sainte-Victoire) 175
- Mit Cézanne gegen die Hunde (Die Lehre der Sainte-Victoire) 183
- Im Bunde? Reich-Ranicki, Bernhard und Unseld 189
- Schnüffeln und Verreißen (Mein Jahr in der Niemandsbucht) 204
- Unversöhnt: letzte Gefechte (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) 212
- V „ES SIND AUCH ANDERE SÄTZE MÖGLICH“: PETER HANDKES GEGENMODELLE ZUR ZEITGENÖSSISCHEN LITERATURKRITIK 221
- „Aber ich bin kein Kritiker“ 221
- Ein Leseerlebnis beschreiben: Handke rezensiert Hermann Lenz 228
- Abenteuergeschichte der Lektüre: Handke liest Bernhards Verstörung 239
- „Kritik, die zugleich eine Form der Begeisterung ist“: Helmut Färber 246
- „Haben Sie das gehört?“: Wolfgang Bauer, The Beatles, Gert Jonke 251
- „wirklich unorthodox“: Handke über/mit Ödön von Horváth 259
- Keine Axt für das gefrorene Meer in uns: Franz Kafka, Karin Struck 262
- Der Autor als Kritiker: ein Rollenkonflikt? 266
- VI „ZEITUNGSG’SCHICHT’LN“: THOMAS BERNHARD ALS LITERATURKRITIKER 273
- Vor eines Dichters Grab: Johannes Freumbichler 273
- „Ich glaube, da liegen die Wurzeln“: Bernhard als Gerichtsreporter 284
- „Kanzlist, Kofferträger und Kunstkritiker“ 289
- „zuchtvoll und klar“: Bernhard als Literaturkritiker im Salzburger Demokratischen Volksblatt 293
- Verschweigen und Verzeihen: Bernhard und der „NS-Parnaß“ 305
- „Traumfabrik“ und „Ro-Ro-Ro-Kost“: Kino und Taschenbuch 314
- Alte Zöpfe, neue Pferde 322
- „Was in den guten Jungen nur gefahren sein mag?“: erste Polemiken 329
- „Ich kann kein Buch besprechen“: Absagen und Stellvertretungen (Alte Meister, Auslöschung) 333
- VII REZENSIONEN, DIE KEINE SIND: KRITIK UND SELBSTKRITIK BEI THOMAS BERNHARD 343
- Vorgeschichten einer Polemik: Bernhard vs. Bruno Kreisky 343
- Politische Polemik als Literaturkritik (Gerhard Roth, Peter Turrini) 357
- „ein wirklicher Dichter“: Kreisky verteidigt Handke 362
- The Return of the Critic oder: Ausweitung der Kampfzone 369
- Bernhard als Kritiker seiner selbst (Korrektur) 372
- Zwischen „Geisteskunst“ und „Selbstkorrektur“: Szenen prekärer Autorschaft (Korrektur, Am Ortler) 379
- Vom „Streben nach eigener Billigung“ (Der Untergeher, Der Theatermacher) 386
- VIII KRAFT DURCH FEINDE: EINE ART EPILOG 397
- IX DANKSAGUNG 413
- X BIBLIOGRAPHIE 415
- XI PERSONENREGISTER 471