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Teil II: Romantext als
KrÀftefeld830
man in einem kleinsten Zeitraum, mit einer im bĂŒrgerlichen Leben sonst nirgendwo
vorkommenden Schnelligkeit und von kaum wahrnehmbaren Zeichen geleitet, so
viele, verschiedene, kraftvolle und dennoch aufs genaueste einander zugeordnete Be-
wegungen ausfĂŒhren muĂ, daĂ es ganz unmöglich wird, sie mit dem BewuĂtsein zu
beaufsichtigen. Im Gegenteil, jeder Sportsmann weiĂ, daĂ man schon einige Tage vor
dem Wettkampf das Training einstellen muĂ, und das geschieht aus keinem anderen
Grund, als damit Muskeln und Nerven untereinander die letzte Verabredung treffen
können, ohne daĂ Wille, Absicht und BewuĂtsein dabei sein oder gar dareinreden
dĂŒrfen. Im Augenblick der Tat sei es dann auch immer so, beschrieb Ulrich : die Mus-
keln und Nerven springen und fechten mit dem Ich ; dieses aber, das Körperganze,
die Seele, der Wille, diese ganze, zivilrechtlich gegen die Umwelt abgegrenzte Haupt-
und Gesamtperson wird von ihnen nur so obenauf mitgenommen, wie Europa, die
auf dem Stier sitzt, und wenn dem einmal nicht so sei, wenn unglĂŒcklicherweise auch
nur der kleinste Lichtstrahl von Ăberlegung in dieses Dunkel falle, dann miĂlinge
regelmĂ€Ăig das Unternehmen. Ulrich hatte sich in Eifer geredet. Das sei im Grunde,
â behauptete er nun â er meine, dieses Erlebnis der fast völligen EntrĂŒckung oder
Durchbrechung der bewuĂten Person sei im Grunde verwandt mit verlorengegan-
genen Erlebnissen, die den Mystikern aller Religionen bekannt gewesen seien, und es
sei sonach gewissermaĂen ein zeitgenössischer Ersatz ewiger BedĂŒrfnisse, und wenn
auch ein schlechter, so immerhin einer ; und das Boxen oder Àhnliche Sportarten, die
das in ein vernĂŒnftiges System bringen, seien also eine Art von Theologie, wenn man
auch nicht verlangen könne, daà das schon allgemein eingesehen werde. (MoE 28 f.)
Die im Roman zentrale Eigenschaftsthematik erscheint in diesem (aus GrĂŒn-
den der Anschaulichkeit ungekĂŒrzt wiedergegebenen) Redeschwall auf
kongeniale Weise mit jener des âanderen Zustandsâ verknĂŒpft168 â ein Can-
tus firmus der Diotima-Kapitel. Im Bild âder fast völligen EntrĂŒckung oder
Durchbrechung der bewuĂten Personâ begegnet dabei erstmals im Roman
â und zunĂ€chst noch ziemlich versteckt â Ulrichs spĂ€ter recht folgenreiche
Analogiesetzung zwischen den Wirkungen der Mystik und jenen der Liebe.
Was die im Wortsinn merkwĂŒrdige Kommunikation von Ulrich und Bonadea
168 Vgl. etwa das Kapitel mit der einschlĂ€gigen Ăberschrift âErklĂ€rung und Unterbrechungen eines
normalen BewuĂtseinszustandesâ, wo das âunglaublich Schnelle solcher VerĂ€nderungen, die
einen gesunden Menschen in einen schĂ€umenden Narren verwandelnâ, diskutiert wird : âEs
kam ihm [âŠ] vor, daĂ diese Liebesverwandlung des BewuĂtseins nur ein besonderer Fall von
etwas weit Allgemeinerem sei ; denn auch ein Theaterabend, ein Konzert, ein Gottesdienst,
alle ĂuĂerungen des Inneren sind heute solche rasch wieder aufgelöste Inseln eines zweiten
BewuĂtseinszustands, der in den gewöhnlichen zeitweilig eingeschoben wird.â (MoE 115 ; vgl.
MoE 522 f.)
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book Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Title
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Subtitle
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Author
- Norbert Christian Wolf
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 1224
- Keywords
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Category
- Geisteswissenschaften
Table of contents
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRĂFTEFELD
- 1. âVersuchsstation des Weltuntergangsâ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. âZeitfigurenâ 1913/1930 âam gesellschaftlichen Schachbrettâ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) â Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als âAntiessayismusâ : Der FunktionĂ€r Tuzzi (489) â Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und âJudeâ 501
- Ein trojanisches Pferd des MilitÀrs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte âEigenschaftlichkeitâ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist SchmeiĂer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem âGeiste des Expressionismusâ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte âEigenschaftlichkeitâ, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. âDie falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaftâ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der GeschlechteridentitĂ€ten : Die âTrĂ€ger des Zeit- wandelsâ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen âZwangsherrschaftâ zur wissenschaftlichen EhefĂŒhrung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche VerhÀltnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der âschönen Seeleâ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als âLustselbstmordâ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frĂŒhes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe Ă la hausse, platonische âBegegnung zweier Berggipfelâ : Diotima und Arnheim 908
- Die âletzte Liebesgeschichteâ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne MĂ€nnerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, PreuĂen gegen Ăsterreich 1005
- Der Intellektuelle und der GroĂschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte âExponenten des Zeitgeistesâ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- BildungsbĂŒrger contra KleinbĂŒrger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- BildungsbĂŒrger contra Proletarier : Ulrich und SchmeiĂer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- SekundÀrliteratur zu Musil 1193
- Register 1208