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Der Mann ohne Eigenschaften im zeitgenössischen literarischen Feld 1131
Ă€sthetisch wie ein Erbe von Flauberts stilistischem Ideal der quasiwissenschaft-
lichen âimpassibilitĂ©â. TatsĂ€chlich hat Musil âFlaubert sehr geliebtâ, wie seine
Frau berichtet.100 Er selbst hat seine stilistische Haltung, â[d]ie Sache [s]einer
Personâ, mit âSachlichkeit als Teilnahmslosigkeitâ bezeichnet und dabei einen
â[k]omprimierte[n] Ausdruck des heutigen Menschenâ angestrebt (Tb 1, 903).
In der kĂŒnstlerischen Darstellungsweise gibt es jedoch auch gravierende Un-
terschiede zwischen Musil und (dem von Bourdieu analysierten) Flaubert, die
sich auf eine historisch verschiedenartige Situation in den jeweiligen literari-
schen Feldern zurĂŒckfĂŒhren lassen. WĂ€hrend Flaubert und der einflussreiche
deutsche Romantheoretiker Friedrich Spielhagen, ja noch zeitgenössische Kol-
legen wie Alfred Döblin oder die Autoren der Neuen Sachlichkeit, zur Errei-
chung der gröĂtmöglichen darstellerischen ObjektivitĂ€t die reflektierende Er-
zÀhlstimme weitestgehend aus dem ErzÀhlkosmos verbannten, erhÀlt diese in
Musils essayistischem ErzÀhlverfahren wieder eine tragende Rolle. Wie bereits
im Zusammenhang der Rekonstruktion von Musils Antwort auf die Medien-
konkurrenz zwischen ErzÀhlliteratur und Filmkunst angedeutet wurde101, dient
sie ihm dazu, anstelle von bloĂer âSchilderungâ eine âAusdeutung des Lebensâ
zu geben, denn : âEs kann ja alles geschehn im Leben ; es kommt darauf an, in
welchem Sinn es geschiehtâ (Tb 1, 969). Ein am (damaligen) Film ausgerichteter
âKinostilâ, wie ihn etwa Döblin postuliert hat102, könnte hingegen bloĂ mit dem
Ă€uĂerlich Gegebenen operieren.103 Zur BegrĂŒndung seines narrativen Konzepts
formuliert er im Fontana-Interview ein spezifisches Darstellungsziel : âMich inte-
ressiert das geistig Typische, ich möchte geradezu sagen : das Gespenstische des
Geschehens.â (GW 7, 939) Im Entwurf zu einer Vorrede aus dem Jahr 1930 wie-
derholt Musil in diesem Sinn : âDas Grundlegende ist die geistige Konstitution
einer Zeit. [âŠ] Ich bin aus Begabung und Neigung kein âNaturalistââ (MoE 1938 ;
M II/1/266). Was das im Einzelnen bedeutet, soll im Folgenden anhand einer
Analyse ausgewÀhlter poetologischer Stellungnahmen rekonstruiert werden.
100 Vgl. den Brief Martha Musils an Armin Kesser, 20.12.1944 : âRobert hat Flaubert sehr geliebt
(er hat nicht alles von ihm gekannt) : auch wegen des Wenigschreibens und wegen seines Le-
bens, das ihm einsam wie sein eigenes vorkam.â (MMB 1, 66)
101 Vgl. Kap. I.2.3.
102 Vgl. Döblin : An Romanautoren und ihre Kritiker, S. 121.
103 Vgl. etwa die Bestimmung der âStellung des Films [âŠ] zur handelnden Personâ in Brecht :
Der DreigroschenprozeĂ, S. 465 : âEr [der Film, N.C.W.] verwendet zur Verlebendigung sei-
ner Personen, die nur nach Funktionen eingesetzt sind, einfach bereitstehende Typen, die in
bestimmte Situationen kommen und in ihnen bestimmte Haltungen einnehmen können. Jede
Motivierung aus dem Charakter unterbleibt, das Innenleben der Personen gibt niemals die
Hauptursache und ist selten das hauptsÀchliche Resultat der Handlung, die Person wird von
auĂen gesehen.â
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book Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Title
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Subtitle
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Author
- Norbert Christian Wolf
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 1224
- Keywords
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Category
- Geisteswissenschaften
Table of contents
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRĂFTEFELD
- 1. âVersuchsstation des Weltuntergangsâ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. âZeitfigurenâ 1913/1930 âam gesellschaftlichen Schachbrettâ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) â Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als âAntiessayismusâ : Der FunktionĂ€r Tuzzi (489) â Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und âJudeâ 501
- Ein trojanisches Pferd des MilitÀrs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte âEigenschaftlichkeitâ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist SchmeiĂer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem âGeiste des Expressionismusâ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte âEigenschaftlichkeitâ, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. âDie falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaftâ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der GeschlechteridentitĂ€ten : Die âTrĂ€ger des Zeit- wandelsâ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen âZwangsherrschaftâ zur wissenschaftlichen EhefĂŒhrung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche VerhÀltnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der âschönen Seeleâ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als âLustselbstmordâ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frĂŒhes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe Ă la hausse, platonische âBegegnung zweier Berggipfelâ : Diotima und Arnheim 908
- Die âletzte Liebesgeschichteâ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne MĂ€nnerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, PreuĂen gegen Ăsterreich 1005
- Der Intellektuelle und der GroĂschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte âExponenten des Zeitgeistesâ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- BildungsbĂŒrger contra KleinbĂŒrger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- BildungsbĂŒrger contra Proletarier : Ulrich und SchmeiĂer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- SekundÀrliteratur zu Musil 1193
- Register 1208