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Kirche und Habitus im »Christlichen
Ständestaat«180
Bereits vor der Amnestie waren die entlassenen politischen Häftlinge bedeutende
Gegner der Kirche, denn, so heißt es aus der Stadtpfarre Friesach, »[s]oviel durchsi-
ckert, arbeiten auch die entlassenen Wöllersdorfer an der Abfallshetze mit.«212 Nach
der Amnestie trat der Zusammenhang von politischer Gegnerschaft und Kirchen-
austrittspropaganda für viele kirchliche Beobachter aber noch deutlicher zutage :
Im Monat Juli wurde hieramts zufällig bekannt, daß der […] hiesige Bauer J. S. vom rö-
misch-katholischen Glauben abgefallen ist. […] Grund dafür ist, daß der Genannte ein
fanatischer Nationalsozialist ist, der durch die letzte Amnestie aus der Kerkerhaft entlas-
sen wurde. Leider gibt es hier eine ganze Reihe von abgestandenen katholischen Christen
ähnlicher Art.
[…] Von einer Abfallsbewegung merkt man hier nichts, aber auch nichts von einer friedli-
chen Heimkehr der ziemlich kirchenfeindlich eingestellten Nationalsozialisten. Die Ver-
kündigung der Amnestie hat nur einen Schwung in das hier einzig regierende Naziregi-
ment gebracht.213
Aus derselben Pfarre langte noch im November 1937 der letzte der ausgewerteten
Berichte zur Lage in den Pfarren ein. Wenige Monate vor dem »Anschluss« an Hit-
ler-Deutschland im März 1938 zeigte sich die Ablehnung der nationalsozialistisch
eingestellten Kirchengegner nicht mehr so sehr in direkter Abfallspropaganda, als
vielmehr in antiklerikalen Gesten und Verhaltensweisen :
[Es] sind die Anhänger des Nationalsozialismus hier nach wie vor fast unempfindlich für re-
ligiöse Eindrücke. Das Benehmen einer Anzahl dieser Leute bei Begräbnissen ihrer Gesin-
nungsgenossen ist ganz auffallend. Sie bleiben auch beim Gottesdienste nach dem Begräb-
nisse am liebsten draußen. Grollend gehen sie ihren Weg, voll Haß gegen die bestehende
Regierung und gegen die Priester, die sie nicht als die ihrigen erkennen.214
Die klare Verbindung der Ablehnung des bestehenden politischen Systems mit ei-
nem stark ausgeprägten, von kirchlichen Vertretern oftmals fälschlich als religiöse
Indifferenz aufgefassten Antiklerikalismus illustriert den in dieser Arbeit postulierten
Zusammenhang von Kirchenskepsis und Kärntner Habitus deutlich. In der Wahr-
nehmung zahlreicher Kärntner und Kärntnerinnen dieser Epoche ist es abermals
die verhasste Regierung in Wien, die die freiheitsliebende Kärntner Bevölkerung
unter Mithilfe kirchlicher Indoktrinierung und Konformitätsdruck unterjocht. Im
212 Neuwirther, F.: Apostasien Stadtpfarre Friesach (17.04.1936).
213 Rudolph, P.: Abfallsbewegung Pfarre Altenmarkt (02.08.1936).
214 Rudolph, P.: Abfallsbewegung Pfarre Altenmarkt (03.11.1937).
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Die Kirche und die »Kärntner Seele«
Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Title
- Die Kirche und die »Kärntner Seele«
- Subtitle
- Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Author
- Johannes Thonhauser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-23291-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 402
- Keywords
- Kärnten, katholische Kirche, kulturelles Gedächtnis, Habitus, Christlicher Ständestaat, nationalsozialistische Bewegung, Switbert Lobisser, Dolores Viesèr, Emilie Zenneck, Hans Sittenberger
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Table of contents
- Danksagung 11
- Die katholische Kirche und der Sonderfall Kärnten 13
- 1 Vorbemerkungen 13
- 2 Hinführung 17
- 3 Theoretische Vorüberlegungen 30
- 3.1 Soziologische Grundannahmen 31
- 3.2 Kulturelles und kollektives Gedächtnis 39
- 3.3 Zum methodischen Umgang mit Kunst und Literatur 49
- 1 Missionierung und Christianisierung 59
- 1.1 Zur Missionierung und Christianisierung in Kärnten 60
- 1.2 Politische und kirchliche Entwicklungslinien Kärntens im Hochmittelalter 63
- 1.3 Die Kirche und die territoriale Integration Kärntens im Spätmittelalter 67
- 1.4 Religiöses Leben und kirchliche Struktur im spätmittelalterlichen Kärnten 69
- 2 Das Konfessionelle Zeitalter 73
- 3 Das Nationale Zeitalter 103
- Kirche und Habitus im »Christlichen Ständestaat« 129
- 1 Hinführung 129
- 2 Die Kirchenaustrittsbewegung in Kärnten 1933 bis 1938 151
- 2.1 Hinführung 151
- 2.1.1 Der Geheimerlass vom 10. Juli 1933 155
- 2.1.2 Zur politischen Parteinahme der Seelsorger in den Kärntner Pfarren 157
- 2.2 Zur allgemeinen Entwicklung der Kirchenaustrittsbewegung 1933 bis 1938 162
- 2.2.1 Vom Geheimerlass zu den Silvestertumulten 1933/34: die Ruhe vor dem Sturm 163
- 2.2.2 Von den Silvestertumulten 1933/34 bis zum Juliputsch 1934: der Exodus aus der Kirche 165
- 2.2.3 Vom Putsch 1934 zum Urgenzschreiben 1936: Es brodelt unter der Oberfläche weiter 177
- 2.2.4 Vom Urgenzschreiben 1936 bis zum »Anschluss« 1938: Vorbereitungen zum Massenaustritt 179
- 2.3 Kirchenaustritt aus politischer Opposition zum Ständestaat 181
- 2.4 Zur Rolle der Pfarrers und der katholischen Kirche als Institution 187
- 2.5 Zur Rolle der evangelischen Kirche 197
- 2.6 Die Nazi-Bewegung aus dem Blickwinkel katholischer Geistlicher 204
- 2.7 Wiederverheiratungswillige und Alternativreligiöse 212
- 2.1 Hinführung 151
- 3 Zwischenresümee 216
- Kirche und Habitus im kulturellen Gedächtnis 223
- 1 Hinführung 223
- 2 Sieben Erinnerungstraditionen im kulturellen Gedächtnis Kärntens 225
- 2.1 Die Missionierung Kärntens im kulturellen Gedächtnis 225
- 2.2 Hemma von Gurk als Schlüsselfigur kirchlicher (Gedächtnis-) Geschichte in Kärnten 233
- 2.2.1 Zur Heiligsprechung einer »deutschen Heiligen« 235
- 2.2.2 Dolores Viesèrs Hemma von Gurk (1938): eine christliche »Gegengeschichte« in »unchristlichen« Zeiten 239
- 2.2.2.1 Die Kärntner Landesmutter und ihre Untertanen 243
- 2.2.2.2 Die Kärntner als die »besseren Deutschen« 246
- 2.2.2.3 Das Zusammenspiel von Natur und Mensch 247
- 2.2.2.4 Zur Rolle von Klerus und Kirche 249
- 2.2.2.5 Von Knappen und Putschisten 252
- 2.2.2.6 Wider die Kritiker der Heiligsprechung 255
- 2.2.2.7 Zur Rezeption von Dolores Viesèr und ihres Romans Hemma von Gurk 257
- 2.3 Die »Türkenkriege« im kulturellen Gedächtnis Kärntens 260
- 2.4 Gegenreformation und Geheimprotestantismus im kulturellen Gedächtnis 270
- 2.5 Die Franzosenzeit im kulturellen Gedächtnis Kärntens 282
- 2.6 Klerus und Abwehrkampf im kulturellen Gedächtnis Kärntens amBeispiel von Josef F. Perkonigs Tragödie Heimsuchung (1920) 302
- 2.7 Ständestaat und Nationalsozialismus im kulturellen GedächtnisKärntens am Beispiel von Switbert Lobisser 318
- 3 Sieben Dimensionen des Kärntner Habitus 336
- Zusammenfassung und Ausblick Kirche, Habitus und kulturelles Gedächtnis in Kärnten 344
- 1 Rückblick 344
- 2 Ausblick 348
- 3 Zusammenfassung 350
- Anhang 353
- 1 Abkürzungsverzeichnis 353