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5.3 Carnaps Konzeption von Moral und Ethik in der Wiener-Kreis-Periode
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Lebens- und Weltanschauung. 2 ) nach traditioneller Benennung : Logik und Erkenntnis-
theorie. Nach meiner Auffassung sollte der Name Philosophie dem ersten Teil allein vorbe-
halten bleiben , während die einzelnen Gebiete des zweiten Teils sich als Fachwissenschaf-
ten loslösen müssten. ( Carnap an Scholz , 11. Oktober 1922 , Rudolf Carnap Collection , ASP
RC 102–72–10 , Bl. 1 )
Für Lehre und Forschung auf dem Gebiet der „eigentlichen Philosophie“ fühle er sich je-
doch nicht qualifiziert :
Zwar habe ich für sie ein lebhaftes Interesse , habe mich durch Bücher , Vorlesungen , Semi-
nare und manche Freundesgespräche mit ihren Fragen und Lösungsversuchen vertraut ge-
macht , aber immer nur als Mensch , aus persönlichem Bildungsbedürfnis , nicht als produkti-
ver Forscher oder reproduktiver Lehrer. ( Carnap an Scholz , 11. Oktober 1922 , Rudolf Carnap
Collection , ASP RC 102–72–10 , Bl. 2 )
So beständig Carnap an seinen moralischen Ansichten festhalten wird , so wandelbar
wird seine Konzeption von Ethik sein. Die Ansichten darüber , welche Möglichkeiten of-
fen stehen , Moral philosophisch und wissenschaftlich zu thematisieren , unterliegen ei-
ner Entwicklung , die jedoch in bestimmten Punkten frühere Einflüsse wieder aufneh-
men wird. Im Aufbau werden sowohl Lebensphilosophie als auch Neukantianismus zum
Tragen kommen.
5.3 Carnaps Konzeption von Moral und Ethik in der Wiener-Kreis-Periode
5.3.1 Der logische Aufbau der Welt ( 1928a ) und die Konstitution von Werten
5.3.1.1 Die Entstehungsgeschichte des Aufbaus
Mit der vorangehenden Schilderung des Jenaer Milieus zu Studienzeiten Carnaps und
der frühen philosophischen Einflüsse soll nicht behauptet werden , damit sei eine Positi-
on formuliert , die sich mit den hier interessierenden Positionen Carnaps deckt oder eine
solche sich von dort eindeutig ableiten lasse. Dazu sind die Einflüsse selbst viel zu hetero-
gen. Dennoch wird sich zeigen , dass sich selbst für manche Stelle in Carnaps Werken , die
gemeinhin der Wiener-Kreis-Periode und dem Logischen Empirismus zugerechnet wer-
den , auf diesem Hintergrund eine andere Interpretation als die herkömmliche im Rahmen
des Logischen Empirismus Wiener Prägung anbietet. Dies gilt nicht zuletzt für den Ort
von moralischen Werten in Carnaps erstem großen Buch Der logische Aufbau der Welt , das
gemeinhin als Werk des Wiener Kreises gesehen wird , wobei dies insofern zu relativieren
Ethik und Moral im Wiener Kreis
Zur Geschichte eines engagierten Humanismus
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Ethik und Moral im Wiener Kreis
- Subtitle
- Zur Geschichte eines engagierten Humanismus
- Author
- Annemarie Siegetsleitner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79533-9
- Size
- 16.9 x 23.9 cm
- Pages
- 450
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Table of contents
- 1. Einleitung 13
- 2. Terminologische Klärungen 37
- 3. Moral und Ethik im Wiener Kreis und die Standardauffassung logisch- empiristischer Ethik 52
- 4. Das kulturelle Umfeld des politischen und moralischen Engagements 67
- 5. Rudolf Carnap : Individualistischer Dezisionismus und wissenschaftlicher Humanismus 89
- 5.1 Einleitung 89
- 5.2 Carnaps Konzeption von Moral und Ethik vor der Wiener-Kreis-Periode 92
- 5.3 Carnaps Konzeption von Moral und Ethik in der Wiener-Kreis-Periode 111
- 5.3.1 Der logische Aufbau der Welt ( 1928a ) und die Konstitution von Werten 111
- 5.3.2 Scheinprobleme in der Philosophie ( 1928b ) 120
- 5.3.3 „Wissenschaft und Leben“ ( 1929b ) 123
- 5.3.4 „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“ ( 1931/32 ) 129
- 5.3.5 „Theoretische Fragen und praktische Entscheidungen“ ( 1934a ) 133
- 5.3.6 Philosophy and Logical Syntax ( 1935 ) 136
- 5. 3. 7 Carnaps moralische Haltung : wissenschaftlicher Humanismus 138
- 5.3.8 Carnaps individualistischer Dezisionismus und die Lebenspraxis 141
- 5.3.9 Möglichkeiten und Grenzen der Ethik 148
- 5.4 Spätphase : Optative 149
- 5.5 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 160
- 6. Karl Menger : Mathematische Modelle für ein verträgliches Zusammenleben 163
- 6.1 Einleitung 163
- 6.2 Mengers Logik der Sitten 168
- 6.3 Mengers Moralauffassung 177
- 6.3.1 Moral 1. und 2. Stufe , Basismoralen 177
- 6.3.2 Sinn und Zweck der / einer Moral 177
- 6.3.3 Kritik am Kategorischen Imperativ 179
- 6.3.4 Mengers Konzeption der Moralsprache : Semantischer Nonkognitivismus 180
- 6.3.5 Moralische Erkenntnis : Fundamentaler Nonkognitivismus und systemimmanenter Kognitivismus 182
- 6.4 Mengers Ethikverständnis 186
- 6.5 Menger und die Angewandte Ethik 193
- 6.6 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 194
- 7. Otto Neurath : Moral auf der Grundlage gemeinsam beschlossener humanistischer Lebensgrundsätze und Ethik in der Einheitswissenschaft 196
- 8. Philipp Frank : Pragmatische Ethik und relativierte Moral 251
- 9. Moritz Schlick : Eudämonistische Ethik als Weisheitslehre 265
- 10. Victor Kraft : Zwei-Komponenten-Kognitivismus und rationale Moralbegründung 332
- 10.1 Einleitung 332
- 10.2 Krafts moralische und ethische Auffassungen in der Wiener-Kreis-Periode 337
- 10.3 Krafts moralische und ethische Auffassungen nach der Wiener-Kreis-Periode 371
- 10.3.1 Moralbegründung auf Grundlage der Kultur : Die Grundlagen einer wissenschaftlichen Wertlehre , 2. Auflage ( 1951 ) 371
- 10.3.2 Moralbegründung auf Grundlage natürlicher Ziele : Rationale Moralbegründung ( 1963 ) 374
- 10.3.3 Moralbegründung auf der Grundlage primärer Strebensziele : Die Grundlagen der Erkenntnis und der Moral ( 1968 ) 377
- 10.4 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 383
- 11. Herbert Feigl : Pragmatische Moralbegründung 387
- 12. Systematische Zusammenfassung und allgemeine Schlussbemerkungen 402
- 12.1 Mangelndes Interesse an Moral als Menschen und Bürgerinnen oder Bürger 402
- 12.2 Geteilte moralische Haltung : wissenschaftlicher Humanismus 403
- 12.3 Differenzierungen in den Moralkonzeptionen 404
- 12.4 Differenzierungen in den Ethikkonzeptionen 409
- 12.5 Ausblick auf zukünftige Forschung 412
- 12.6 Allgemeine Schlussbemerkungen 413
- Literatur 417
- Abkürzungen 440
- Bildquellennachweis 440
- Personenregister 441