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Teil I:
Grundlegung62
Doch selbst wenn sÀmtliche der von Pfeiffer vorgebrachten EinwÀnde ge-
gen Bourdieus LektĂŒre der Ăducation sentimentale triftig wĂ€ren, betrĂ€fen sie
nur dessen singulĂ€re Interpretation des Flaubertâschen Romans, nicht aber die
Konsistenz und Anwendbarkeit des sozioanalytischen Ansatzes generell. Die
Frage der Angemessenheit dieser Methode mĂŒsste jeweils am konkreten Ge-
genstand, an den zu untersuchenden Texten (und Kontexten) ĂŒberprĂŒft wer-
den, die sich kraft des ihnen zugrunde liegenden poetologischen Programms
und ihrer Àsthetischen und erzÀhlerischen Beschaffenheit in unterschiedli-
cher Weise fĂŒr eine Sozioanalyse eignen. Um auch dieser Herausforderung
zu entsprechen, sollen im Folgenden die romankonzeptionellen Vorausset-
zungen der Angemessenheit einer Sozioanalyse des Mann ohne Eigenschaften
(1930/32/postum) diskutiert werden. Vorderhand noch problematischer als
bei Flauberts Ăducation sentimentale scheint der sozioanalytische Ansatz nĂ€m-
lich bei Musils Roman. Wie oben bereits ausgefĂŒhrt wurde79, handelt es sich
um einen ErzĂ€hltext, dessen ausschweifende GesprĂ€chspassagen â insbeson-
dere das âGeredeâ der Parallelaktion (M I/1/32) im Ersten Buch â aufgrund
ihrer rhetorischen Schablonenhaftigkeit und ideologischen Verbohrtheit die
soziale Welt noch weniger erschlieĂen als die gleichsam autistischen Aussa-
gen des Flaubertâschen Romanpersonals. Auch Musils ausdrĂŒcklich ableh-
nende Haltung gegenĂŒber dem Realismus wurde schon erörtert.80
Wenn die sozioanalytische Methode indes beansprucht, eine allgemeine
Verfahrensweise der wissenschaftlichen LektĂŒre literarischer Texte zu sein â
mit freilich je nach Gegenstand variierender Angemessenheit â, dann darf sich
ihre Anwendbarkeit nicht auf realistische Texte im engeren Sinn beschrÀnken.
Gerade in der Analyse von Literatur mit geringerem Referenzialisierungs-
anspruch muss sie sich bewÀhren, denn erst darin kann sich ihre generelle
(wenngleich nicht universelle) Brauchbarkeit als textanalytisches Verfahren
erweisen. Diese Eignung wird indes nicht fĂŒr sĂ€mtliche Texte unterschiedslos
bestehen, denn ein Mindestmaà an sozialer Differenziertheit der erzÀhlten
Welt ist ihre Bedingung. Das Vorhandensein einer mehr als nur rudimentÀren
gesellschaftlichen Differenzierung des Romanpersonals wird fĂŒr den Mann
ohne Eigenschaften â im auffallenden Unterschied gerade zu frĂŒheren Musil-
Texten81 â niemand bestreiten. Genaueres soll die vorliegende Untersuchung
79 Vgl. den zweiten Abschnitt der Einleitung in vorliegende Arbeit.
80 Vgl. ebd.
81 Noch Die SchwĂ€rmer als letztes gröĂeres Werk Musils vor dem Mann ohne Eigenschaften weisen
in sozialer Hinsicht eine relative HomogenitÀt auf, weshalb das sozioanalytische Verfahren dort
stark modifiziert werden muss ; vgl. dazu Wolf : â⊠einfach die Kraft haben, diese WidersprĂŒche
zu liebenâ, bes. S. 131, Anm. 35.
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Buch Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Titel
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Untertitel
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Autor
- Norbert Christian Wolf
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 1224
- Schlagwörter
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Kategorie
- Geisteswissenschaften
Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRĂFTEFELD
- 1. âVersuchsstation des Weltuntergangsâ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. âZeitfigurenâ 1913/1930 âam gesellschaftlichen Schachbrettâ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) â Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als âAntiessayismusâ : Der FunktionĂ€r Tuzzi (489) â Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und âJudeâ 501
- Ein trojanisches Pferd des MilitÀrs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte âEigenschaftlichkeitâ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist SchmeiĂer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem âGeiste des Expressionismusâ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte âEigenschaftlichkeitâ, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. âDie falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaftâ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der GeschlechteridentitĂ€ten : Die âTrĂ€ger des Zeit- wandelsâ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen âZwangsherrschaftâ zur wissenschaftlichen EhefĂŒhrung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche VerhÀltnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der âschönen Seeleâ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als âLustselbstmordâ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frĂŒhes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe Ă la hausse, platonische âBegegnung zweier Berggipfelâ : Diotima und Arnheim 908
- Die âletzte Liebesgeschichteâ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne MĂ€nnerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, PreuĂen gegen Ăsterreich 1005
- Der Intellektuelle und der GroĂschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte âExponenten des Zeitgeistesâ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- BildungsbĂŒrger contra KleinbĂŒrger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- BildungsbĂŒrger contra Proletarier : Ulrich und SchmeiĂer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- SekundÀrliteratur zu Musil 1193
- Register 1208