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436 Teil II: Romantext als KrÀftefeld
war er ĂŒberzeugt, daĂ Reichtum eine Charaktereigenschaft sei. Jeder reiche Mann
betrachtet Reichtum als eine Charaktereigenschaft. Jeder arme Mann gleichfalls. Alle
Welt ist stillschweigend davon ĂŒberzeugt. Nur die Logik macht einige Schwierig-
keiten, indem sie behauptet, daĂ Geldbesitz vielleicht gewisse Eigenschaften verlei-
hen, aber niemals selbst eine menschliche Eigenschaft sein könne. Der Augenschein
straft das LĂŒgen. Jede menschliche Nase riecht unweigerlich sofort den zarten Hauch
von UnabhĂ€ngigkeit, Gewohnheit, zu befehlen, Gewohnheit, ĂŒberall das Beste fĂŒr
sich zu wĂ€hlen, leichter Weltverachtung und bestĂ€ndig bewuĂter Machtverantwor-
tung, der von einem groĂen und sicheren Einkommen aufsteigt. Man sieht es der
Erscheinung eines solchen Menschen an, daà sie von einer Auslese der WeltkrÀfte
genÀhrt und tÀglich erneuert wird. (MoE 419)
Musils ErzÀhler analysiert hier die Konsequenzen ökonomischer ProsperitÀt
auf die Habitusformung, was jede âlogischeâ Ableitung von âEigenschaftenâ
aus dem âGeldbesitzâ blass und altbacken aussehen lĂ€sst. Die habituell inkor-
porierte und durch den sense of oneâs place der verschiedenen Akteure als âna-
turgegebeneâ Begabung erscheinende Disposition zum wirtschaftlichen Han-
deln verleiht in der Tat jenes selbstsichere Auftreten, das so augenfÀllig zur
âCharaktereigenschaftâ wird, wie es selber wiederum weitere Akkumulation
ökonomischen Kapitals befördert.
Das Geld zirkuliert in seiner OberflĂ€che wie der Saft in einer BlĂŒte ; da gibt es kein
Verleihen von Eigenschaften, kein Erwerben von Gewohnheiten, nichts Mittelbares
und aus zweiter Hand Empfangenes : zerstöre Bankkonto und Kredit, und der reiche
Mann hat nicht bloĂ kein Geld mehr, sondern er ist am Tag, wo er es begriffen hat,
eine abgewelkte Blume. Mit der gleichen Unmittelbarkeit wie frĂŒher die Eigenschaft
seines Reichseins bemerkt jetzt jeder die unbeschreibliche Eigenschaft des Nichts an
ihm, die wie eine brenzliche Wolke von Unsicherheit, UnverlĂ€Ălichkeit, UntĂŒchtigkeit
und Armut riecht. Reichtum ist also eine persönliche, einfache, nicht ohne Zerstö-
rung zerlegbare Eigenschaft. (MoE 419)
Unter RĂŒckgriff auf die gestalttheoretische Einsicht in den ontologischen
Vorrang des Ganzen vor seinen Teilen erarbeitet der ErzÀhler ausgesprochen
versiert die dispositionelle Grundlage von Arnheims ostentativer âEigenschaft-
lichkeitâ, die man sich keineswegs von einem Tag auf den anderen â etwa
durch einen unerwarteten Lottogewinn â einfach aneignen kann, wie die
naive Vorstellung meint, allerdings umso schneller wieder verlieren. Veran-
schaulicht wird dabei nicht nur, dass Selbstsicherheit ein habituell erworbener
Faktor der Investition ist, sondern ĂŒberdies, dass diese sukzessiv angeeignete
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Buch Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Titel
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Untertitel
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Autor
- Norbert Christian Wolf
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 1224
- Schlagwörter
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Kategorie
- Geisteswissenschaften
Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRĂFTEFELD
- 1. âVersuchsstation des Weltuntergangsâ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. âZeitfigurenâ 1913/1930 âam gesellschaftlichen Schachbrettâ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) â Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als âAntiessayismusâ : Der FunktionĂ€r Tuzzi (489) â Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und âJudeâ 501
- Ein trojanisches Pferd des MilitÀrs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte âEigenschaftlichkeitâ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist SchmeiĂer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem âGeiste des Expressionismusâ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte âEigenschaftlichkeitâ, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. âDie falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaftâ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der GeschlechteridentitĂ€ten : Die âTrĂ€ger des Zeit- wandelsâ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen âZwangsherrschaftâ zur wissenschaftlichen EhefĂŒhrung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche VerhÀltnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der âschönen Seeleâ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als âLustselbstmordâ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frĂŒhes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe Ă la hausse, platonische âBegegnung zweier Berggipfelâ : Diotima und Arnheim 908
- Die âletzte Liebesgeschichteâ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne MĂ€nnerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, PreuĂen gegen Ăsterreich 1005
- Der Intellektuelle und der GroĂschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte âExponenten des Zeitgeistesâ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- BildungsbĂŒrger contra KleinbĂŒrger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- BildungsbĂŒrger contra Proletarier : Ulrich und SchmeiĂer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- SekundÀrliteratur zu Musil 1193
- Register 1208