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514 Teil II: Romantext als Kräftefeld
‚Faule Sache‘ hatte er wohl seinerzeit zu sich gesagt ; beileibe sollte es das nicht sein,
was er darüber öffentlich gesagt haben wollte, aber da, wie Gedächtnisse schon ein-
mal sind, hatte ihm das seine einen üblen Streich gespielt, indem es sich nach dem
gefühlhaften ersten inoffiziellen Auftrag richtete und die Sache nachlässig fallen ließ,
statt die überlegte Entscheidung abzuwarten. (MoE 133)
Im Nachhinein bedeutet ihm dieses Versagen einen steten Anlass des Ärgers
über sich selbst : „Leo Fischel konnte […] die Nachlässigkeit nicht begreifen,
mit der er eine so bewegliche Einladung behandelt hatte, wie es die war, in
der Se. Erlaucht einen auserlesenen Kreis von Menschen aufforderte, sich zu
einem großen und gemeinsamen Werk bereit zu halten.“ Sein Lapsus scheint
ihm umso weniger verzeihlich, als er selbst „eigentlich nur durch ganz beson-
dere, später zu erwähnende Umstände in diesen Kreis einbezogen worden“
war (MoE 133 f.), wie der Erzähler in einer vielsagenden prospektiven Be-
merkung andeutet, die bald darauf durch den Verweis auf die „Familienbezie-
hungen“ (MoE 136) von Fischels Frau Klementine aufgelöst wird. Allerdings
weiß die narrative Instanz im Unterschied zur jüdischen Figur durchaus um
die Hintergründe des Fehlers, der ihr eines traurigen Morgens unterlaufen ist ;
sie sind eben weniger im beruflichen, vielmehr im engsten familiären Bereich
zu suchen :
[A]n vielen folgenden Morgen bekam er Schilderungen von den Vorgängen im
Kreise der Sektionschefsgattin Tuzzi, die es sehr bedauerlich erscheinen ließen, daß
eine solche Gelegenheit für Gerda, in die beste Gesellschaft zu kommen, nicht wahr-
genommen worden sei. Fischel selbst hatte kein ganz reines Gewissen, da ja doch
sein eigener Generaldirektor und der Gouverneur der Staatsbank hingingen, aber
bekanntlich weist man Vorwürfe umso heftiger zurück, je stärker man selbst zwischen
Schuld und Unschuld gespannt ist. (MoE 207)
In seiner Not behilft sich der verzweifelte Familienvater mit dem vordergrün-
digen Ausweg der Ironisierung ebenjener Angelegenheit, die er nicht mehr
in seinem Sinne wenden kann. Die Sache ist damit aber nicht zu retten, und
eine Konsequenz seiner bezeichnenden Fehlleistung sowie seiner glücklosen
Verdrängungsbemühungen besteht in der vehementen Thematisierung der
leidigen Causa durch die eigenen Familienangehörigen :
[J]edesmal, wenn Fischel sich mit der Überlegenheit des schaffenden Mannes über
diese patriotische Angelegenheit lustig zu machen suchte, wurde ihm erklärt, daß ein
auf der Zeithöhe stehender Finanzmann wie Paul Arnheim eben schon anders denke.
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Buch Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Titel
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Untertitel
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Autor
- Norbert Christian Wolf
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 1224
- Schlagwörter
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Kategorie
- Geisteswissenschaften
Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRÄFTEFELD
- 1. „Versuchsstation des Weltuntergangs“ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. „Zeitfiguren“ 1913/1930 „am gesellschaftlichen Schachbrett“ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) – Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als ‚Antiessayismus‘ : Der Funktionär Tuzzi (489) – Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und ‚Jude‘ 501
- Ein trojanisches Pferd des Militärs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte ‚Eigenschaftlichkeit‘ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist Schmeißer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem „Geiste des Expressionismus“ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte ‚Eigenschaftlichkeit‘, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. „Die falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaft“ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der Geschlechteridentitäten : Die „Träger des Zeit- wandels“ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen „Zwangsherrschaft“ zur wissenschaftlichen Eheführung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche Verhältnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der ‚schönen Seele‘ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als „Lustselbstmord“ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frühes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe à la hausse, platonische „Begegnung zweier Berggipfel“ : Diotima und Arnheim 908
- Die „letzte Liebesgeschichte“ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne Männerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, Preußen gegen Österreich 1005
- Der Intellektuelle und der Großschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte „Exponenten des Zeitgeistes“ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- Bildungsbürger contra Kleinbürger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- Bildungsbürger contra Proletarier : Ulrich und Schmeißer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- Sekundärliteratur zu Musil 1193
- Register 1208