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„Die falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaft“ 881
Erst als Ulrich allein war, empfing er die volle Wirkung des Geschehenen. (Es war,
als hätte ihm etwas einen Ruck gegeben […]) Er schämte sich, daß er über sie her-
gefallen sei, wie ein großer Fleischerhund über einen armen kleinen Köter. Er hatte
keine Rücksicht geübt ; er war nur abgestoßen worden, sonst hätte es wohl noch viel
schlimmer ausfallen können. / Er wurde blaß vor Scham. […] Er hatte den Eindruck,
von einer ganz einsamen Leidenschaft besessen zu sein. Schlimmer als die Spieler,
Trinker und Verbrecher, die alle gesellig sind. Wie er dastand schien er gar keinen Zu-
sammenhang mit den Menschen zu haben und etwas, das großer Angst sehr ähnlich
war, befiel ihn. / Es war so, als ob er bis zu diesem Auftritt sich in einer Spannung
befunden hätte, in der es ihn ebensowohl zum Bösen wie zum Guten zog, und nun
war das böse Ende gerissen. (M VII/17/11)
Die hier vertretene Interpretation kongruiert mit diesen nachgelassenen Wor-
ten sowie mit allgemeinen Überlegungen Musils zur Frage der Ethik302, was
sich insbesondere an der These der kontrastiven erzählerischen Motivierung
offenbart, die Musil selbst vertritt, wobei er sich der Ambivalenz der Ulrich-
Figur bedient :
Oft sieht es nur so aus, als ob er schlecht handeln würde, es ist aber bloß eine unfer-
tige neue Form des Guten – Er ist abgedrängt von seiner Ur-Kindheitslinie. – Er hat
kein Verhältnis zu Menschen, keine Kompromißfähigkeit udgl. Das drängt zu Schwe-
ster und anderem Zustand. / Eine Antwort ist auch : Weil er kein politischer Mensch
ist, der das Böse benutzt um das Gute kompromißlich zu schaffen. (M VII/17/11)
Musils eigene Deutung der Verführungs-Episode303 ist über jeden Zweifel
erhaben : „Die Sache mit Gerda war ein Rückfall“ (M VII/17/12). In einem
„Gerda-Nachtrag“ heißt es erläuternd : „Ulrich hat mit Bonadea und Diotima
alles verschossen und nichts mehr für Gerda übrig.“ Daraus folgt wiederum :
„Wenn Ulrich den gedanklichen Versuch zu leben wie lesen macht, so ist
302 Vgl. folgende Reflexion, die in mancher Hinsicht an den Prolog im Himmel aus Goethes Faust I
erinnert : „Die natürliche Sammelfrage ist : a) Warum begünstigt Ulrich in Gedanken das Böse ?
b) Warum handelt er oft so, daß es bös aussieht ? c) Er ist nicht bös-bös. Was meint er mit gut ?
/ Antworten : Weil das Böse das stabili[si]erende Prinzip ist – Weil ein Mann, der das Gute
schlecht ausgeführt sieht, sich höhnend zum Bösen wendet – d. i. teils eine gewisse Größe,
teils eine persönliche Schwäche – Weil in dieser Zeit das Böse diffus verteilt ist und er zur Zeit
gehört, als Versuch einer Synthese –“ (M VII/17/11).
303 Dazu auch folgende Nachlassnotiz aus einer früheren Entwurfsphase (1927/28) : „Empfin-
det seinen Juanismus als Entartung“ (M II/4/68 ; vgl. M VII/8/52, VII/10/63, VII/11/137 u.
VII/12/7). Musil formuliert in seinem „Handmaterial“ ein entsprechendes Postulat : „Abkehr
vom Juanismus.“ (M II/1/219)
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Buch Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Titel
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Untertitel
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Autor
- Norbert Christian Wolf
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 1224
- Schlagwörter
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Kategorie
- Geisteswissenschaften
Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRÄFTEFELD
- 1. „Versuchsstation des Weltuntergangs“ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. „Zeitfiguren“ 1913/1930 „am gesellschaftlichen Schachbrett“ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) – Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als ‚Antiessayismus‘ : Der Funktionär Tuzzi (489) – Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und ‚Jude‘ 501
- Ein trojanisches Pferd des Militärs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte ‚Eigenschaftlichkeit‘ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist Schmeißer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem „Geiste des Expressionismus“ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte ‚Eigenschaftlichkeit‘, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. „Die falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaft“ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der Geschlechteridentitäten : Die „Träger des Zeit- wandels“ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen „Zwangsherrschaft“ zur wissenschaftlichen Eheführung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche Verhältnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der ‚schönen Seele‘ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als „Lustselbstmord“ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frühes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe à la hausse, platonische „Begegnung zweier Berggipfel“ : Diotima und Arnheim 908
- Die „letzte Liebesgeschichte“ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne Männerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, Preußen gegen Österreich 1005
- Der Intellektuelle und der Großschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte „Exponenten des Zeitgeistes“ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- Bildungsbürger contra Kleinbürger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- Bildungsbürger contra Proletarier : Ulrich und Schmeißer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- Sekundärliteratur zu Musil 1193
- Register 1208