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„Die falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaft“ 915
Bemerkung, die bei allem Pathos eine Komik der Herabstimmung impliziert :
„Wir übergehen mit Ehrfurcht, was anfangs gesprochen wurde.“ (MoE 185)
Die Höhe der Gefühle sowie der Stillage, in der sie sprachlich artikuliert wer-
den, entspricht auch einer Höhe des drohenden Falls, der hinsichtlich Dioti-
mas von langer Hand vorbereitet wird :
Sie durfte sich schmeicheln, daß sie es gewesen war, die ihn [Arnheim] sofort ent-
deckt, mit ihm über das Eindringen des neuen Menschen in die Sphären der Macht
gesprochen und ihm geholfen hatte, gegen den Widerstand aller anderen hier seinen
Weg zu gehen. Sollte also Arnheim wirklich dabei noch etwas Besonderes im Schilde
geführt haben, wie Sektionschef Tuzzi vermutete, so wäre Diotima auch dann bei-
nahe von vornherein entschlossen gewesen, ihn mit allen Mitteln zu unterstützen,
denn eine große Stunde verträgt keine kleinliche Prüfung, und sie fühlte deutlich, daß
sich ihr Leben auf einem Gipfel befand. (MoE 330)
Ein so starkes Gefühl kann allem Anschein nach nicht trügen. Bei Diotima
hat die Begegnung mit Arnheim durchaus charakterverändernde Folgen ; so
verwandelt ihre Liebe zu ihm ihr schon vorher vorhandenes quasimystisches
Streben auf eine bezeichnende Weise :
Die Liebeskraft hatte sich kräftig zusammengezogen und war sozusagen in den Kör-
per zurückgekehrt, und aus dem ‚analogen‘ Streben war ein sehr selbstisches und ein-
deutiges geworden. Jene, zuerst von ihrem Vetter hervorgerufene Vorstellung, daß sie
sich im Vorzustand einer Tat befinde und daß etwas, das sie sich noch nicht vorstellen
wollte, im Begriffe sei, zwischen ihr und Arnheim zu geschehen, besaß einen so viel
höheren Konzentrationsgrad als alle Vorstellungen, die sie bisher beschäftigt hatten,
daß sie nicht anders empfand, als wäre sie vom Traum zum Wachen übergegangen.
Auch eine Leere, wie sie diesem Übergang im ersten Augenblick eigentümlich ist,
war dadurch in Diotima entstanden, und sie vermochte sich aus Beschreibungen zu
erinnern, daß das ein Zeichen beginnender großer Leidenschaften sei. (MoE 332)
Hier ist offensichtlich ein Wunsch der Vater des Gedankens, obgleich aus
Musils (an Nietzsche geschulter) Perspektive die sublimierten Impulse Dioti-
mas durch die ‚Rückkehr‘ der ‚Liebeskraft‘ in den Körper wie auch durch die
mit dem Streichen der Passatwinde vergleichen, dem Golfstrom, den vulkanischen Zitterwel-
len der Erdrinde ; Kräfte, ungeheuer denen des Menschen überlegen, den Sternen verwandt,
setzten sich in Bewegung, vom einen zum anderen, über die Grenzen der Stunde und des Tags
hinaus ; unermeßliche Ströme.“ (MoE 185)
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Buch Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Titel
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Untertitel
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Autor
- Norbert Christian Wolf
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 1224
- Schlagwörter
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Kategorie
- Geisteswissenschaften
Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRÄFTEFELD
- 1. „Versuchsstation des Weltuntergangs“ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. „Zeitfiguren“ 1913/1930 „am gesellschaftlichen Schachbrett“ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) – Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als ‚Antiessayismus‘ : Der Funktionär Tuzzi (489) – Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und ‚Jude‘ 501
- Ein trojanisches Pferd des Militärs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte ‚Eigenschaftlichkeit‘ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist Schmeißer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem „Geiste des Expressionismus“ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte ‚Eigenschaftlichkeit‘, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. „Die falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaft“ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der Geschlechteridentitäten : Die „Träger des Zeit- wandels“ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen „Zwangsherrschaft“ zur wissenschaftlichen Eheführung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche Verhältnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der ‚schönen Seele‘ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als „Lustselbstmord“ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frühes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe à la hausse, platonische „Begegnung zweier Berggipfel“ : Diotima und Arnheim 908
- Die „letzte Liebesgeschichte“ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne Männerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, Preußen gegen Österreich 1005
- Der Intellektuelle und der Großschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte „Exponenten des Zeitgeistes“ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- Bildungsbürger contra Kleinbürger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- Bildungsbürger contra Proletarier : Ulrich und Schmeißer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- Sekundärliteratur zu Musil 1193
- Register 1208