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Teil II: Romantext als
KrÀftefeld874
angesichts der eigenen Handlungsweise, die er nicht billigen kann, wie aus
seinen kritischen Reflexionen hervorgeht. Im Ăbrigen ist die Tatsache zu be-
rĂŒcksichtigen, dass sĂ€mtliche mitgeteilten Empfindungen durch die Sicht des
emotional unbeteiligten ErzÀhlers vermittelt werden. Es ist eher die fehlende
Anteilnahme in dessen Darstellung der scheinbaren VerfĂŒhrung, die den An-
schein von ImmunitÀt, Unempfindsamkeit und KÀlte bewirkt.
Indem Musils Roman vom pervertierten VerfĂŒhrungsversuch Ulrichs im
Medium der Sprache erzÀhlt, scheint er allerdings denselben Mechanismen
des Medienwechsels zu unterliegen, die Kittler bei der ĂberfĂŒhrung der âBil-
derfluchten von Hysterikernâ in die Freudâsche GesprĂ€chstherapie diagnosti-
ziert ; diese ersetze nĂ€mlich â so Kittler â âdoch nur Bilder durch Wörterâ.283
Anders ausgedrĂŒckt :
Psychoanalyse heiĂt sehr wörtlich, ein inneres Kino in ebenso methodischen wie dis-
kreten Schritten zu zerhacken, bis all seine Bilder verschwunden sind. Sie zerbröckeln
eins nach dem anderen, einfach weil die Patientinnen Gesichte in Schilderungen oder
Beschreibungen ĂŒbersetzen mĂŒssen. Am Ende triumphiert das Medium des Psycho-
analytikers selber, der Körperbewegungen stillstellt und die verbleibenden inneren
Gesichte sodann wie lauter Geister oder Draculas zur Strecke bringt.284
Wenn man diese Kittlerâsche Charakterisierung der Psychoanalyse teilt, dann
lÀsst sie sich auch gegen die erklÀrte Absicht ihres Urhebers wenden. Die zwar
ebenfalls dem sprachlichen Medium verhaftete Literatur wÀre demzufolge
gewissermaĂen als Inversion der Psychoanalyse zu begreifen. Sie bezweckt
nÀmlich im Unterschied zum psychoanalytischen Heilverfahren keine har-
monisierende Auflösung verstörender Bildwahrnehmung in das ârationaleâ
Medium der Sprache, sondern betreibt im Gegenteil gerade deren sprachlich
induzierte Evokation mittels einer Stimulierung der produktiven Einbildungs-
kraft des Lesers bzw. der Leserin. Solcherart partizipiert die Literatur an einer
neuerlichen Proliferation innerer Bilder, deren Stillstellung die medizinische
Therapie erreichen wollte ; sie erweckt die laut Kittler therapeutisch zur Stre-
cke gebrachten âGeister oder Draculasâ gleichsam wieder zum Leben.
Wie jedenfalls deutlich geworden sein sollte, bedient sich der Schriftsteller
Musil an entscheidenden Stellen seiner Narration der scheinbar nur filmischen
283 Kittler : Grammophon Film Typewriter, S. 214 f.
284 Ebd., S. 215. Ganz Àhnlich wiederum die Argumentation von Schuller : Hysterie als Artefak-
tum, S. 89 f.
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Buch Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Titel
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Untertitel
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Autor
- Norbert Christian Wolf
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 1224
- Schlagwörter
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Kategorie
- Geisteswissenschaften
Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRĂFTEFELD
- 1. âVersuchsstation des Weltuntergangsâ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. âZeitfigurenâ 1913/1930 âam gesellschaftlichen Schachbrettâ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) â Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als âAntiessayismusâ : Der FunktionĂ€r Tuzzi (489) â Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und âJudeâ 501
- Ein trojanisches Pferd des MilitÀrs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte âEigenschaftlichkeitâ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist SchmeiĂer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem âGeiste des Expressionismusâ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte âEigenschaftlichkeitâ, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. âDie falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaftâ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der GeschlechteridentitĂ€ten : Die âTrĂ€ger des Zeit- wandelsâ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen âZwangsherrschaftâ zur wissenschaftlichen EhefĂŒhrung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche VerhÀltnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der âschönen Seeleâ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als âLustselbstmordâ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frĂŒhes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe Ă la hausse, platonische âBegegnung zweier Berggipfelâ : Diotima und Arnheim 908
- Die âletzte Liebesgeschichteâ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne MĂ€nnerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, PreuĂen gegen Ăsterreich 1005
- Der Intellektuelle und der GroĂschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte âExponenten des Zeitgeistesâ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- BildungsbĂŒrger contra KleinbĂŒrger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- BildungsbĂŒrger contra Proletarier : Ulrich und SchmeiĂer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- SekundÀrliteratur zu Musil 1193
- Register 1208