Seite - 1062 - in Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
Bild der Seite - 1062 -
Text der Seite - 1062 -
Teil II: Romantext als
Kräftefeld1062
lich unkluge) politische Entscheidungen. So stellt er zur lähmenden, völlig
unflexiblen ideologischen Frontenbildung fest :
Zu dieser Stimmung paßt auch die Zerdrückung des Mittelstandes. Der Kampf Christ-
lichsozial-Sozialdemokratisch wird in der Diagonale, in der Linie geringsten Wider-
standes entschieden. Z. T. ja die dumme alte Frage mit dem Kapital, obgleich das
Rentenkapital ja gar nicht das Kapital ist, sondern nur aus Blödheit als altes Symbol
erschlagen wird. Wahrscheinlich [sind] viele Sozialisten klar darüber. Aber verstrickt
in den tausend kleinen Widerständen des Parlamentarismus, bleibt ihnen nichts übrig.
Bleibt ihnen nichts übrig, weil Idee und zur Idee dienender Fanatismus fehlen. Dieser
Krieg gegen Pensionisten und Waisen ist ebenso grausam wie der Völkerbund. (Tb
1, 406)
An anderer Stelle artikuliert Musil noch deutlicher sein Ungenügen an zu sim-
plen politisch-ideologischen Antagonismen, indem er sich auf den dichotomi-
schen Gegensatz zwischen ‚linkem‘ Internationalismus und ‚rechtem‘ Natio-
nalismus bezieht : „Diese Trennung international-national mit dem Schwanz
von tapfer, hart, genügsam usw. einer- und andrerseits trennt ähnlich wie sei-
nerzeit die Reformation.“ (Tb 1, 392) Als Antwort auf die unüberwindbare
Spaltung der Gesellschaft in verfeindete politisch-ideologische Lager plädiert
Musil 1920 im Blick auf sein Romanprojekt für einen doppelten Bruch mit
den überkommenen Alternativen : „Achilles wäre […] gewiß weder Protestant
noch Katholik gewesen.“ (Tb 1, 392)
Erbitterte ideologische Feindschaften waren in der Zwischenkriegszeit
nicht allein zwischen rechten und linken Gruppierungen zu beobachten,
wie sie Musil in den Kapitelgruppen-Entwürfen zum Mann ohne Eigenschaf-
ten als Konfrontation zwischen dem Faschisten Meingast und dem Sozialis-
ten Schmeißer skizziert hat (vgl. MoE 1514–1523, bes. MoE 1518 f. u. 1522 f.,
sowie M II/1/22–23), sondern in den verschiedensten Konstellationen. Im
Romantext finden sie sich etwa in den Gegenüberstellungen der ideologisch
konträren „Exponenten des Zeitgeistes“ Hans Sepp oder Schmeißer und der
männlichen Hauptfigur Ulrich wieder, die aus soziologischer Perspektive
recht pauschal als Konflikte zwischen Bildungsbürgertum und Kleinbürgertum
bzw. zwischen Bildungsbürgertum und Proletariat bezeichnet werden können.
Andere Gegnerschaften hingen mit den groben Klassenkonflikten im marxis-
tischen Sinn oft nur recht mittelbar zusammen und können nicht mehr ohne
weiteres auf wirtschaftliche und/oder soziale Ungleichheit zurückgeführt wer-
den. Eine solche ideologische Frontstellung stellt die im letzten kanonischen
Romankapitel gezeichnete Auseinandersetzung zwischen zwei Bürgersöhnen
zurück zum
Buch Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Titel
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Untertitel
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Autor
- Norbert Christian Wolf
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 1224
- Schlagwörter
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Kategorie
- Geisteswissenschaften
Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRÄFTEFELD
- 1. „Versuchsstation des Weltuntergangs“ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. „Zeitfiguren“ 1913/1930 „am gesellschaftlichen Schachbrett“ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) – Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als ‚Antiessayismus‘ : Der Funktionär Tuzzi (489) – Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und ‚Jude‘ 501
- Ein trojanisches Pferd des Militärs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte ‚Eigenschaftlichkeit‘ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist Schmeißer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem „Geiste des Expressionismus“ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte ‚Eigenschaftlichkeit‘, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. „Die falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaft“ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der Geschlechteridentitäten : Die „Träger des Zeit- wandels“ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen „Zwangsherrschaft“ zur wissenschaftlichen Eheführung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche Verhältnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der ‚schönen Seele‘ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als „Lustselbstmord“ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frühes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe à la hausse, platonische „Begegnung zweier Berggipfel“ : Diotima und Arnheim 908
- Die „letzte Liebesgeschichte“ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne Männerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, Preußen gegen Österreich 1005
- Der Intellektuelle und der Großschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte „Exponenten des Zeitgeistes“ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- Bildungsbürger contra Kleinbürger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- Bildungsbürger contra Proletarier : Ulrich und Schmeißer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- Sekundärliteratur zu Musil 1193
- Register 1208