Seite - 1149 - in Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
Bild der Seite - 1149 -
Text der Seite - 1149 -
Der Mann ohne Eigenschaften im zeitgenössischen literarischen Feld 1149
aber dient es ihm dazu, die Anstößigkeit dieser schonungslosen Analyse –
welche nicht nur die der sozialen Welt zugrunde liegenden Strukturen offen-
legt, sondern ebenso die sozialen Grundlagen des eigenen Habitus – selbst
wieder als fiktionales Spiel zu verschleiern.
Eine letzte kompositorische Konsequenz seiner darstellerischen Bemü-
hung um den ‚denkenden Menschen‘ ist die herausgehobene Rolle und die
soziale wie intellektuelle Beschaffenheit der männlichen Hauptfigur, durch
die sich Musil ein weiteres Mal von der vorherrschenden deutschsprachigen
Romanliteratur seiner Zeit distinguiert. Wie Erhard Schütz erwähnt hat, ist
der sportliche, bei Frauen erfolgreiche Mathematiker aus gutem Hause „in
der eher kleinbürgerlich bis plebejischen Personnage des deutschen Romans
eine Ausnahme“167. Ein proletarischer Held, wie ihn etwa der „ehemalige[ ]
Zement- und Transportarbeiter Franz Bieberkopf“ aus Döblins Berlin Alexan-
derplatz darstellt168, oder auch ein intellektuell ausdrücklich etwas schlichter
Bürgersohn wie Hans Castorp aus dem Zauberberg169 hätte das ihm hier vom
Autor auferlegte Pensum einer reflexiven Durchdringung der Welt nicht be-
wältigen können.170 Auf überraschende und vom Autor wohl kaum kalkulierte
Weise scheint hier die altehrwürdige Tradition der genera dicendi bzw. der rota
Vergilii zu neuem Leben erweckt, indem implizit eine Korrelation zwischen
Anlage bzw. Gegenstand der literarischen Darstellung und sozialer Lage des
Protagonisten hergestellt wird. Der mit dieser merkwürdigen Reaktivierung
von Aspekten der Ständeklausel einhergehenden soziologischen Implikatio-
nen ist sich Musil durchaus bewusst, weiß er doch auch um die sozialen Mög-
lichkeitsbedingungen der eigenen intellektuellen Existenz. Die nicht zuletzt
autoanalytische Funktion von Ulrichs sozialer Konstitution, seiner geistigen
liegt mit der bürgerlichen Auffassung. Er hat selbst oft das Kranke, Abwegige in den Grün-
den des Künstlers betont, und bemüht sich mit bewundernswerter Anstrengung, es schließlich
doch zur bürgerlichen Ordnung zu rufen und einzuordnen. Man kann ihn als den sichtbarsten
Vertreter des erwachten Gewissens dafür bezeichnen, daß Regel und Ausnahme nicht mehr
lange so asyntaktisch nebeneinander bestehen bleiben dürfen, wie sie es seit hundert Jahren
tun ; wenn man auch, wie ich, seinen Lösungsversuchen nicht beipflichten kann. Sie ebnen die
Ausnahme zu sehr in die bürgerliche Regel ein.“ (M I/6/120)
167 Schütz : „Du brauchst bloß in die Zeitung hineinzusehen“, S. 290.
168 Vgl. Döblin : Berlin Alexanderplatz, S. 11.
169 Vgl. Mann : Der Zauberberg, S. 1085 : „Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sor-
genkind ! Deine Geschichte ist aus. […] Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethal-
ben, denn du warst simpel.“
170 Becker : Von der „Trunksucht am Tatsächlichen“, S. 156 f., sieht in Ulrich hingegen nur einen
„traditionelle[n] Romanheld[en]“, der sich nicht „in die Niederungen des städtischen Alltags,
der alltäglichen Abläufe“ begeben wolle.
zurück zum
Buch Kakanien als Gesellschaftskonstruktion - Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts"
Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Titel
- Kakanien als Gesellschaftskonstruktion
- Untertitel
- Robert Musils Sozioanalyse des 20. Jahrhunderts
- Autor
- Norbert Christian Wolf
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78740-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 1224
- Schlagwörter
- Robert Musil, The Man without Qualities, modern novel, sociology of the novel, Pierre Bourdieu, cultural history
- Kategorie
- Geisteswissenschaften
Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung 9
- Einleitung 11
- TEIL I : GRUNDLEGUNG
- TEIL II : ROMANTEXT ALS KRÄFTEFELD
- 1. „Versuchsstation des Weltuntergangs“ : Chronotopos und sozialer Raum 261
- 2. „Zeitfiguren“ 1913/1930 „am gesellschaftlichen Schachbrett“ : Kapitalausstattung und Habitusbildung 328
- Erben und Enterbte 344
- Ulrich, Mann ohne Eigenschaften ) – Der Dilettant Walter 347
- Mann mit Eigenschaften 378
- Eigenschaftslosigkeit aus Marginalisierung : Ulrichs Alter Ego Moosbrugger 392
- Der moderne Industrielle : Ulrichs Gegenspieler Arnheim 409
- Adel und modernerKonservativismus : Ulrichs Inversion Leinsdorf 457
- Aufsteiger und Gebremste 482
- Realpolitik als ‚Antiessayismus‘ : Der Funktionär Tuzzi (489) – Zur sozialen Erzeugung von Eigenschaften : Leo Fischel, Liberaler und ‚Jude‘ 501
- Ein trojanisches Pferd des Militärs : General Stumm von Bordwehr 523
- Terroristen und Propheten 548
- Forcierte ‚Eigenschaftlichkeit‘ : Der Antisemit Hans Sepp 558
- eingast, Faschist und Schwerenöter 584
- Der selbstbewusste Proletarier und junge Sozialist Schmeißer 601
- Friedel Feuermaul, Pazifist aus dem „Geiste des Expressionismus“ 613
- Gefallene Geliebte 643
- Zerrissener Zusammenhang, perspektivische Verschiebung : Ulrichs Geliebte Leona 649
- Petrifizierte ‚Eigenschaftlichkeit‘, Macht des Faktischen : Ulrichs Geliebte Bonadea 659
- Leidende an einer geheimnisvollen Zeitkrankheit 672
- Wahnsinn als Methode : Clarisse 676
- Die frustrierte Ehefrau Klementine Fischel 694
- Ein gespaltener Habitus : Gerda Fischel 698
- Angepasste und Dissidentinnen 708
- Diotima, Frau mit Eigenschaften 712
- Agathe, Frau ohne Eigenschaften 737
- 3. „Die falschen zwischenmenschlichen Vereinigungen unserer Gesellschaft“ : Konstellationen und Interaktionen 768
- Ehen in der Krise 781
- Erosion der Geschlechteridentitäten : Die „Träger des Zeit- wandels“ Walter und Clarisse 788
- Von der physiologischen „Zwangsherrschaft“ zur wissenschaftlichen Eheführung : Diotima und Tuzzi 799
- Das schleichende Eindringen des Politischen ins Private : Leo und Klementine Fischel 809
- Unordentliche Verhältnisse, Geschlechterkampf 817
- Der Intellektuelle und die Kontrafaktur der ‚schönen Seele‘ : Ulrich und Bonadea 825
- Coitus interruptus als „Lustselbstmord“ : Ulrich und Gerda 844
- Liebesversuche jenseits der Ehe 885
- Ulrichs frühes Einheitserlebnis 894
- Die verbindende Kraft des Antisemitismus : Gerda Fischel und Hans Sepp 902
- Liebe à la hausse, platonische „Begegnung zweier Berggipfel“ : Diotima und Arnheim 908
- Die „letzte Liebesgeschichte“ als Experiment der Androgynie : Ulrich und Agathe 928
- 3.2 Gleichgeschlechtliche Konstellationen : Moderne Männerbeziehungen 998
- Konkurrenz um Prinzipien und Menschen 1000
- Reviermarkierungen im Kampf um eine Frau : Tuzzi gegen Arnheim, Preußen gegen Österreich 1005
- Der Intellektuelle und der Großschriftsteller als Versucher : Ulrich gegen Arnheim 1014
- Ideologische Gegnerschaften, Klassenkampf 1059
- Entgegengesetzte „Exponenten des Zeitgeistes“ : Hans Sepp und Feuer maul 1063
- Bildungsbürger contra Kleinbürger : Ulrich und Hans Sepp 1078
- Bildungsbürger contra Proletarier : Ulrich und Schmeißer 1086
- TEIL III : ERZEUGUNGSFORMEL DES WERKS UND SELBSTOBJEKTIVIERUNG DES AUTORS
- Literaturverzeichnis 1169
- Musil-Texte 1169
- Andere Quellen 1169
- Nachschlagewerke 1176
- Allgemeine Forschungsliteratur 1176
- Sekundärliteratur zu Musil 1193
- Register 1208