Seite - 66 - in „ IM NATIONALEN ABWEHRKAMPF DER GRENZLANDDEUTSCHEN“ - Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945
Bild der Seite - 66 -
Text der Seite - 66 -
II. Nationalsozialismus und postnazistische Restauration
66
Bundübergreifende Organisierung
Als Verband mit inhaltlichem Fokus auf akademische Standesvertretung und Stellen-
vermittlung sowie einer Aufnahmepolitik , die
– jedenfalls der Idee nach
– auch Frauen
und Nichtkorporierte einschloss , konnte der AVÖ den bundübergreifenden Organi-
sierungsbedürfnissen der völkischen Korporierten von Anfang an nicht umfassend ge-
recht werden. So entstanden nach und nach , v. a. in größeren Städten , auch die tradi-
tionellen örtlichen Altherrenzusammenschlüsse wieder. Mancherorts , wie beispielsweise
in Linz , ging die Gründung einer Vereinigung alter Burschenschafter ( VaB ) der eines
AVÖ-Lokalverbandes sogar voraus bzw. ebnete dieser den Weg.115 In den Hochschul-
städten wurden auch die lokalen Korporations-Zusammenschlüsse ( im Unterschied
zum Individualmitgliedschaftsprinzip der VaB ) wiedererrichtet. Auf Ebene der Bur-
schenschaften konstituierten sich in Graz , Innsbruck , Leoben und Wien sogenannte
‚Delegierten-Convente‘. Die erste ordentliche Sitzung des Wiener Delegierten-Convents
( WDC ) fand nach Angaben Albias am 27. Oktober 1950 statt.116 Trotz anfänglicher
Skepsis der Traditionsverbindungen gegenüber der Initiative – sie war von den Neu-
gründungen Heimdall , Dürnstein und Laetitia ausgegangen – , versammelte der WDC
im Mai 1955 bereits nicht weniger als 16 Bünde.117 Überregional schlossen sich die Bur-
schenschaften Österreichs 1953 , wie bereits erwähnt , in einem Allgemeinen DC ( ADC )
zusammen. Der eigentlich angestrebte Eintritt in die DB und damit der Wunsch nach
einem gemeinsamen Dachverband mit den bundesdeutschen Burschenschaften , wie er
schon zwischen 1919 und 1933 bestanden hatte , wurde vorerst als politisch untunlich zu-
rückgestellt.118 Der ADC war dementsprechend weniger als Verband denn als provi-
sorische Arbeitsgemeinschaft konzipiert. Am Anfang 1953 abgehaltenen ersten ADC-
Tag – der jährlichen beschlussfassenden Versammlung der Mitgliedsbünde – nehmen
22 Burschenschaften aus den vier damaligen Hochschulstädten des Landes teil.119 Im
Jahr darauf sind es bereits 30 , wobei der Wiener DC mit seinen 16 Mitgliedern mehr
als die Hälfte stellt.120 1959 erfolgt die Umbenennung des ADC in Deutsche Burschen-
schaft in Österreich ( DBÖ ).
115 Vgl. Der freiheitliche Akademiker Nr. 7 / 1952 [ Juli ], 13 f. In Salzburg rekonstituierte sich die lokale VaB
selbst unter dem AVÖ-Dach und avancierte schnell zur aktivsten und tonangebenden Altherrenverei-
nigung der Restaurationsphase , wie sich aus den Protokollen der ADC-Tage ersehen lässt. Auch ihre
Größe war , insbesondere für die damalige Nicht-Universitätsstadt Salzburg , mit 1952 bereits an die 200
Mitgliedern beachtlich , sofern der Eigenangabe ( vgl. Aula Nr. 5 / 1953 [ Februar ], 19 ) zu trauen ist.
116 Vgl. Albia 2005 , 15. Olympia berichtet von einer Gründung per 26. 11. 1950 ( vgl. Dvorak 1959 , 77 ).
117 Vgl. Aldania 1994 , 157 bzw. 170.
118 Vgl. Suevia 1958 , 113.
119 Vgl. Lindinger 2009 , 68.
120 Vgl. BAK , DB 9 , E. 4 [ A1 ], Protokoll des ADC-Tages 1954 , 1.
„ IM NATIONALEN ABWEHRKAMPF DER GRENZLANDDEUTSCHEN“
Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- „ IM NATIONALEN ABWEHRKAMPF DER GRENZLANDDEUTSCHEN“
- Untertitel
- Akademische Burschenschaften und Politik in Österreich nach 1945
- Autor
- Bernhard Weidinger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79600-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Burschenschaft, Studentenverbindung, Männerbund, Deutschnationalismus, Nationalismus, Rechtsextremismus, Konservatismus, Südtirol, Hochschulpolitik, VDU (Verband der Unabhängigen), FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs)
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- I. Einleitung 11
- II. Nationalsozialismus und postnazistische Restauration 45
- II.1 Völkische Korporierte im (und für den) Nationalsozialismus 45
- II.2 Korporationen und ‚Entnazifizierung‘ 52
- II.3 Die Wiedererrichtung der Bünde 56
- II.4 Rückeroberung von Öffentlichkeit 71
- II.5 Burschenschaftliche Vergangenheitsbewältigung 80
- II.5.1 Die erste Bestandsaufnahme Günther Berkas (1950/51) 83
- II.5.2 Die Auseinandersetzung um das ‚burschenschaftliche Geschichtsbild‘ (ab 1956) 90
- II.5.3 Burschenschaftliche Gedenkpolitik 96
- Exkurs: Zur Spezifik burschenschaftlicher Vergangenheitsbewältigung in Österreich 107
- II.5.4 Die Feldpost-Anthologie der Oberösterreicher Germanen (1967) 110
- Exkurs: Die Sprache der Vergangenheit 112
- II.5.5 Generationenverhältnis zwischen Konflikt und Konformismus 114
- II.5.6 Vergangenheitsbewältigung um die Jahrtausendwende 124
- II.5.7 Schlussbetrachtungen 127
- III. Burschenschaftliche Ideologie in Österreich 133
- III.1 Die Burschenschaften in Österreich als politische Vereinigungen 133
- III.2 Der burschenschaftliche Auftrag an den Einzelnen 150
- III.3 Burschenschaftliche Erziehung 164
- III.3.1 Der burschenschaftliche Erziehungsauftrag 164
- III.3.2 Ebenen und Orte burschenschaftlicher Erziehung 171
- III.3.3 Funktionen und Konsequenzen 177
- III.4 Politisch-ideologische Heterogenität und burschenschaftlicher Corpsgeist 181
- III.4.1 Meinungsvielfalt und -hegemonie 181
- Exkurs: Zur relativen Abweichung der Oberösterreicher Germanen 186
- III.4.2 Konflikt und Kontroversen 191
- III.4.3 Die Außenwahrnehmung: Burschenschaften als Monolith 201
- III.4.4 Ursachen und Folgen burschenschaftlicher ‚Geschlossenheit‘ 210
- III.5 Wandel und Beharrung 213
- III.5.1 Burschenschaften zwischen Avantgarde und Reaktion 214
- III.5.2 Die Restaurationsphase: weiter (fast) wie bisher 220
- III.5.3 Die 1960er-Jahre: Weckrufe und Reformanläufe 225
- III.5.4 Der Streit um die Ehrenordnung 229
- Exkurs: Das Duellwesen in Österreich nach 1945 232
- III.5.5 Die 1970er-Jahre: Aufbruchsstimmung und Backlash 233
- III.5.6 Gründe der Wandlungsresistenz 236
- III.6 Selbstbild: Gegen-Elite 249
- III.7 Völkischer Nationalismus als weltanschaulicher Angelpunkt 273
- III.8 Burschenschaften und Demokratie 302
- III.8.4 Der Einzelbund: ein ‚Parlament im Kleinen‘? 319
- III.8.5 Individuum und Kollektiv 326
- IV. Praxis burschenschaftlicher Politik 335
- IV.1 Burschenschaftliche Betätigung im politischen Sinn 335
- IV.2 Burschenschaftliche Betätigung im metapolitischen Sinn 355
- IV.2.1 Gegen ‚Zeitgeist‘ und ‚Umerziehung‘: Frühe burschenschaftliche Metapolitik 355
- IV.2.2 Wider die ‚österreichische Nation‘ 360
- IV.2.3 Gegen ‚Geschichtslügen‘: Burschenschaftliche Geschichtspolitik 365
- IV.2.4 Einsatz für ‚das Deutschtum‘: die ‚Volkstumspolitik‘ der Burschenschaften 374
- IV.2.5 ‚ Nach außen wirken‘: burschenschaftliche Publizistik und Öffentlichkeitsarbeit 377
- IV.2.6 ‚Neue Rechte‘ gegen ‚Neue Linke‘? 386
- IV.2.7 Rezeption der ‚Neuen Rechten‘ 399
- IV.2.8 Burschenschaftliche Metapolitik um die Jahrtausendwende 412
- IV.3 Burschenschaftliche Südtirol-Politik 416
- V. Burschenschaften und politische Parteien 443
- V.1 Völkische Korporationen als freiheitliche Kaderschmieden: eine statistische Annäherung 448
- V.2 Zur Überparteilichkeit des Burschenschaftswesens in Österreich 476
- V.3 Flügelkämpfe und Personaldebatten 489
- V.4 Programmatik und Policy-Ebene 511
- V.5 Parteienkooperation und Koalitionsoptionen 521
- V.6 Funktionen der FPÖ für die völkischen Korporationen 532
- V.7 Funktionen des völkischen Korporationswesens für die FPÖ 541
- V.8 Völkische Verbindungen und FPÖ: prekäre Interessengemeinschaft auf Gegenseitigkeit 550
- VI. Abschließende Überlegungen 557
- Anhang
- Literatur, publizierte Quellen, Chroniken und Festschriften 581
- Archive und Archivalien 603
- Verbindungsstudentische, völkische und freiheitliche Periodika 608
- Tabelle und Diagramme 609
- Zitierte eigene Interviews 609
- Abkürzungsverzeichnis 610
- Glossar: Organisationen, Organe, verbindungsstudentische Begriffe 612
- Personenregister 619