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10. Victor Kraft : Zwei-Komponenten-Kognitivismus und rationale Moralbegründung
366 schied zu 1937 nicht mehr deshalb abgelehnt , weil sie nur eine bedingte Begründung lie-
fern könnten , sondern weil sie selbst bei einer unbedingten Begründung nur Normen be-
gründen könnten , bei denen es sich nicht um moralische Normen handeln würde.
Anders verhält es sich mit Normen , die notwendig sind , um überhaupt die Existenz so-
zialer Verbände zu ermöglichen. Normen wie „Du sollst nicht morden“, „Du sollst nicht
betrügen“ und ähnliche hält Kraft für die Erreichung des allgemein akzeptierten Zie-
les , einen sozialen Verband zu schaffen , für notwendig. Hier stelle sich jedoch das Prob-
lem der Allgemeingültigkeit. Um das Ziel zu erreichen , müssten diese Normen nämlich
nicht ausnahmslos befolgt werden. Ein soziales System vertrage durchaus eine bestimm-
te Menge von Tritt brettfahrerinnen und -fahrern , ohne zu zerfallen. Die Stärkeren kön-
nen die Schwächeren ausbeuten , soweit sich die Ausnützung „nur in den Grenzen rati-
oneller Bewirtschaftung“ halte. ( Kraft 1940 , 205 ) Hier tritt die Argumentation übrigens
mit Variante 3b auf.
Was für den Bestand eines sozialen Verbandes wirklich notwendig ist , das ist nicht mehr , als
dass das sozial Störende im allgemeinen , überwiegend ausgeschaltet bleibt. Eine ausnahmslose
Normierung ist damit also noch nicht gerechtfertigt. ( Kraft 1940 , 207 )
Die herrschende Moral auf diesem Wege zu rechtfertigen , sei nur durch „Trugschlüsse und
Erschleichungen“ möglich. ( Kraft 1940 , 203 )
Als ausnahmslose Forderungen müsse der Einzelne die sozialen Normen nur aner-
kennen , wenn er den optimalen Zustand eines sozialen Verbandes in Betracht ziehe. An-
sonsten gelte :
Der Einzelne muss die Erfordernisse des Zusammenlebens nur so weit berücksichtigen , als
der Bestand des Ganzen von ihm abhängt , und das ist in sehr ungleichem Mass der Fall.
( Kraft 1940 , 209 )
Kraft sieht zum Teil eine Begründung moralischer Normen durch soziale Notwendigkeit ,
aber diese könne nur einen Teil der Moral begründen :
Moralische Normen lassen sich somit tatsächlich durch ihre soziale Notwendigkeit sachlich
begründen und damit als allgemeingiltig erweisen.
Aber diese sozial begründbare Moral deckt sich mit der üblichen keineswegs. Sie lässt ja den
Betrug für weite Gebiete zu , sie schliesst ja die Ausnützung der Schwächeren nicht aus , sie
kennt keine Fürsorge für die anderen ! ( Kraft 1940 , 212 f. )
Es bleibt eine rein egoistische Begründung. Was nicht „im eigenen Interesse liegt , im
weitschauenden , wohlabgewogenen , was gar der Gesamtheit der per sönlichen Interessen
zuwiderläuft“, das bleibt durch eine Begründung durch eine soziale Notwendigkeit aus-
Ethik und Moral im Wiener Kreis
Zur Geschichte eines engagierten Humanismus
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Ethik und Moral im Wiener Kreis
- Untertitel
- Zur Geschichte eines engagierten Humanismus
- Autor
- Annemarie Siegetsleitner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79533-9
- Abmessungen
- 16.9 x 23.9 cm
- Seiten
- 450
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung 13
- 2. Terminologische Klärungen 37
- 3. Moral und Ethik im Wiener Kreis und die Standardauffassung logisch- empiristischer Ethik 52
- 4. Das kulturelle Umfeld des politischen und moralischen Engagements 67
- 5. Rudolf Carnap : Individualistischer Dezisionismus und wissenschaftlicher Humanismus 89
- 5.1 Einleitung 89
- 5.2 Carnaps Konzeption von Moral und Ethik vor der Wiener-Kreis-Periode 92
- 5.3 Carnaps Konzeption von Moral und Ethik in der Wiener-Kreis-Periode 111
- 5.3.1 Der logische Aufbau der Welt ( 1928a ) und die Konstitution von Werten 111
- 5.3.2 Scheinprobleme in der Philosophie ( 1928b ) 120
- 5.3.3 „Wissenschaft und Leben“ ( 1929b ) 123
- 5.3.4 „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“ ( 1931/32 ) 129
- 5.3.5 „Theoretische Fragen und praktische Entscheidungen“ ( 1934a ) 133
- 5.3.6 Philosophy and Logical Syntax ( 1935 ) 136
- 5. 3. 7 Carnaps moralische Haltung : wissenschaftlicher Humanismus 138
- 5.3.8 Carnaps individualistischer Dezisionismus und die Lebenspraxis 141
- 5.3.9 Möglichkeiten und Grenzen der Ethik 148
- 5.4 Spätphase : Optative 149
- 5.5 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 160
- 6. Karl Menger : Mathematische Modelle für ein verträgliches Zusammenleben 163
- 6.1 Einleitung 163
- 6.2 Mengers Logik der Sitten 168
- 6.3 Mengers Moralauffassung 177
- 6.3.1 Moral 1. und 2. Stufe , Basismoralen 177
- 6.3.2 Sinn und Zweck der / einer Moral 177
- 6.3.3 Kritik am Kategorischen Imperativ 179
- 6.3.4 Mengers Konzeption der Moralsprache : Semantischer Nonkognitivismus 180
- 6.3.5 Moralische Erkenntnis : Fundamentaler Nonkognitivismus und systemimmanenter Kognitivismus 182
- 6.4 Mengers Ethikverständnis 186
- 6.5 Menger und die Angewandte Ethik 193
- 6.6 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 194
- 7. Otto Neurath : Moral auf der Grundlage gemeinsam beschlossener humanistischer Lebensgrundsätze und Ethik in der Einheitswissenschaft 196
- 8. Philipp Frank : Pragmatische Ethik und relativierte Moral 251
- 9. Moritz Schlick : Eudämonistische Ethik als Weisheitslehre 265
- 10. Victor Kraft : Zwei-Komponenten-Kognitivismus und rationale Moralbegründung 332
- 10.1 Einleitung 332
- 10.2 Krafts moralische und ethische Auffassungen in der Wiener-Kreis-Periode 337
- 10.3 Krafts moralische und ethische Auffassungen nach der Wiener-Kreis-Periode 371
- 10.3.1 Moralbegründung auf Grundlage der Kultur : Die Grundlagen einer wissenschaftlichen Wertlehre , 2. Auflage ( 1951 ) 371
- 10.3.2 Moralbegründung auf Grundlage natürlicher Ziele : Rationale Moralbegründung ( 1963 ) 374
- 10.3.3 Moralbegründung auf der Grundlage primärer Strebensziele : Die Grundlagen der Erkenntnis und der Moral ( 1968 ) 377
- 10.4 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 383
- 11. Herbert Feigl : Pragmatische Moralbegründung 387
- 12. Systematische Zusammenfassung und allgemeine Schlussbemerkungen 402
- 12.1 Mangelndes Interesse an Moral als Menschen und Bürgerinnen oder Bürger 402
- 12.2 Geteilte moralische Haltung : wissenschaftlicher Humanismus 403
- 12.3 Differenzierungen in den Moralkonzeptionen 404
- 12.4 Differenzierungen in den Ethikkonzeptionen 409
- 12.5 Ausblick auf zukünftige Forschung 412
- 12.6 Allgemeine Schlussbemerkungen 413
- Literatur 417
- Abkürzungen 440
- Bildquellennachweis 440
- Personenregister 441