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7.3 Neuraths Konzeption von Moral und Ethik in der Wiener-Kreis-Periode
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hielte ich diesen Wunsch nicht für utopisch – mit exakten Anfangsdefinitionen und einfa-
chen atomaren Elementen zu beginnen. ( Neurath 1941a [ 1981b , 918 ])324
In oben erwähnter Rezension zu Ross’ Buch und auch später äußert sich Neurath in der
Frage , ob man mit einem Sammelterminus „moralisch“ im Rahmen einer empiristischen
Betrachtung erfolgreich wird hantieren können , weniger entschieden als noch 1931. Es
sei , so Neurath ab 1935 , nicht sicher , ob der Begriff „moralisch“ zu jenen Begriffen gehört ,
die eigentlich nur durch ihre metaphysische Biographie erklärbar sind , [ die ] jede Kraft und
alles Leben verlieren , wenn sie metaphysikfrei werden. ( Neurath 1935 /36b [ 1981b , 647 ])325
Es sei „noch lange nicht genügend Klarheit darüber geschaffen , in welcher Form die über-
kommenen Formulierungen mit den Termini ‚Ethik‘ , ‚Recht‘ , ‚Pflicht‘ usw. einer empiris-
tischen Umdeutung zugänglich sind“ ( Neurath 1936a [ 2006 , 628 f. ]).
324 Wie gut Neurath mit Unsicherheiten zurecht kam , zeigt auch seine antifundamentalistische Wis-
senschaftstheorie und seine bekannte Bootsmetapher , die sich an mehreren Stellen seines Werkes
findet. ( Fundstellen zur Bootsmetaphorik siehe Uebel 1991b , 9 ) Schon früh schildert er die Arbeit
der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler so : „Wir sind wie Seefahrer , die auf offenem Mee-
re sich genötigt sehen , mit Balken , die sie mitführen , oder die herantreiben , ihr Schiff völlig umzu-
gestalten , indem sie Balken für Balken und die Form des Ganzen ändern.“ ( Neurath 1913c [ 1998b ,
215 f. ]) Dies ist durchaus auch für seine Moral von Bedeutung : “[ … ] we struggle toward a more open
society and a brighter future for living human beings. In the end , we can only rely on one another. I
think that Otto Neurath came to see this more and more clearly and that this , [ … ], is the deep les-
son of his boat metaphor. A manuscript that he left unfinished at the end of his life concludes with
this uncharacteristically simple sentence [ … ]: ‘The difficulty is that , whatever changes we accept ,
it is a kind of venture.’” ( Richardson 2003 , 85 f. ) Neuraths Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie
will nicht Wahrheitsansprüche untermauern. Er glaubt nicht an Wahrheit „an sich“, sondern fasst
Wahrheit im Sinne einer Kohärenztheorie als Widerspruchsfreiheit und Übereinstimmung von Sät-
zen , die von verschiedenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern akzeptiert werden. ( Rutte
1982 , 70 f. ) Wobei die Köhärenz auch nur ein Auxiliarmotiv wie Einfachheit und Fruchtbarkeit sei.
Auxiliarmotive haben einen praktischen Grund , keinen theoretischen. Letztlich sei auch die Wis-
senschaft eine soziale Praxis. ( Uebel 2000 , 39 f. ) Neurath hält deshalb auch Protokollsätze , das sind
Sätze , die eine Beobachtung unter Angabe von Raum- und Zeitbezug protokollieren , für norma-
le Sätze. Eine Theorie werde deshalb nicht durch die Wirklichkeit bewährt ( von Verifizierung will
Neurath nicht sprechen ), sondern durch einen Protokollsatz , der sich in andere akzeptierte Sätze
einfügt , die Erklärungen und Prognosen bestimmter Zusammenhänge ermöglichen. ( Näheres z. B.
in Uebel 2007 )
325 Ross’ Anliegen metaphysikfreier Rechtslehre begrüßt Neurath : „Vor allem ist man’s nicht gewohnt ,
daß Juristen so sehr bemüht sind , die Metaphysik auszuschalten. Das ist um so höher zu veranschla-
gen , als die planmäßige antimetaphysische Kritik im Sinne einer physikalistischen Gesamtanschau-
ung bisher mehr auf Physik , dann auch auf Biologie und schließlich auf Soziologie gelenkt wurde ,
während das Gebiet des Jus und ähnliche Gebiete von dieser Seite her wenig behandelt wurden.“
( Neurath 1935 /36b [ 1981b , 647 ])
Ethik und Moral im Wiener Kreis
Zur Geschichte eines engagierten Humanismus
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Ethik und Moral im Wiener Kreis
- Untertitel
- Zur Geschichte eines engagierten Humanismus
- Autor
- Annemarie Siegetsleitner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2014
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79533-9
- Abmessungen
- 16.9 x 23.9 cm
- Seiten
- 450
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung 13
- 2. Terminologische Klärungen 37
- 3. Moral und Ethik im Wiener Kreis und die Standardauffassung logisch- empiristischer Ethik 52
- 4. Das kulturelle Umfeld des politischen und moralischen Engagements 67
- 5. Rudolf Carnap : Individualistischer Dezisionismus und wissenschaftlicher Humanismus 89
- 5.1 Einleitung 89
- 5.2 Carnaps Konzeption von Moral und Ethik vor der Wiener-Kreis-Periode 92
- 5.3 Carnaps Konzeption von Moral und Ethik in der Wiener-Kreis-Periode 111
- 5.3.1 Der logische Aufbau der Welt ( 1928a ) und die Konstitution von Werten 111
- 5.3.2 Scheinprobleme in der Philosophie ( 1928b ) 120
- 5.3.3 „Wissenschaft und Leben“ ( 1929b ) 123
- 5.3.4 „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“ ( 1931/32 ) 129
- 5.3.5 „Theoretische Fragen und praktische Entscheidungen“ ( 1934a ) 133
- 5.3.6 Philosophy and Logical Syntax ( 1935 ) 136
- 5. 3. 7 Carnaps moralische Haltung : wissenschaftlicher Humanismus 138
- 5.3.8 Carnaps individualistischer Dezisionismus und die Lebenspraxis 141
- 5.3.9 Möglichkeiten und Grenzen der Ethik 148
- 5.4 Spätphase : Optative 149
- 5.5 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 160
- 6. Karl Menger : Mathematische Modelle für ein verträgliches Zusammenleben 163
- 6.1 Einleitung 163
- 6.2 Mengers Logik der Sitten 168
- 6.3 Mengers Moralauffassung 177
- 6.3.1 Moral 1. und 2. Stufe , Basismoralen 177
- 6.3.2 Sinn und Zweck der / einer Moral 177
- 6.3.3 Kritik am Kategorischen Imperativ 179
- 6.3.4 Mengers Konzeption der Moralsprache : Semantischer Nonkognitivismus 180
- 6.3.5 Moralische Erkenntnis : Fundamentaler Nonkognitivismus und systemimmanenter Kognitivismus 182
- 6.4 Mengers Ethikverständnis 186
- 6.5 Menger und die Angewandte Ethik 193
- 6.6 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 194
- 7. Otto Neurath : Moral auf der Grundlage gemeinsam beschlossener humanistischer Lebensgrundsätze und Ethik in der Einheitswissenschaft 196
- 8. Philipp Frank : Pragmatische Ethik und relativierte Moral 251
- 9. Moritz Schlick : Eudämonistische Ethik als Weisheitslehre 265
- 10. Victor Kraft : Zwei-Komponenten-Kognitivismus und rationale Moralbegründung 332
- 10.1 Einleitung 332
- 10.2 Krafts moralische und ethische Auffassungen in der Wiener-Kreis-Periode 337
- 10.3 Krafts moralische und ethische Auffassungen nach der Wiener-Kreis-Periode 371
- 10.3.1 Moralbegründung auf Grundlage der Kultur : Die Grundlagen einer wissenschaftlichen Wertlehre , 2. Auflage ( 1951 ) 371
- 10.3.2 Moralbegründung auf Grundlage natürlicher Ziele : Rationale Moralbegründung ( 1963 ) 374
- 10.3.3 Moralbegründung auf der Grundlage primärer Strebensziele : Die Grundlagen der Erkenntnis und der Moral ( 1968 ) 377
- 10.4 Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 383
- 11. Herbert Feigl : Pragmatische Moralbegründung 387
- 12. Systematische Zusammenfassung und allgemeine Schlussbemerkungen 402
- 12.1 Mangelndes Interesse an Moral als Menschen und Bürgerinnen oder Bürger 402
- 12.2 Geteilte moralische Haltung : wissenschaftlicher Humanismus 403
- 12.3 Differenzierungen in den Moralkonzeptionen 404
- 12.4 Differenzierungen in den Ethikkonzeptionen 409
- 12.5 Ausblick auf zukünftige Forschung 412
- 12.6 Allgemeine Schlussbemerkungen 413
- Literatur 417
- Abkürzungen 440
- Bildquellennachweis 440
- Personenregister 441