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liegenden Arbeit als wesentliche Komponente des noch näher herauszuarbeitenden
Kärntner Habitus gesehen.58
Diese sich im politischen Kräfteverhältnis des Landes widerspiegelnde Haltung
hat folgerichtig auch umgekehrt ihre Plausibilität, wenn man die im Bundesländer-
vergleich auffallende Schwäche des christlich-sozialen Lagers bzw. der Österreichi-
schen Volkspartei in den Blick nimmt. Sie ist auch dem Unvermögen geschuldet,
die Landbevölkerung für sich zu gewinnen. In Ober- und Nordkärnten wurde das
tendenziell wohlhabendere Bauerntum deutschnational politisiert, im ärmeren und
kleinbäuerlichen Südkärnten mit einem hohen Anteil am Landproletariat sozial-
demokratisch. Beide Strömungen weisen starke antiklerikale Tendenzen auf.59 »In
Kärnten war er [der Kulturkampf] deshalb eine Kontroverse besonderer Art, weil
die Front der traditionell antiklerikal orientierten liberal-deutschnationalen Kreise,
durch die politisch bedeutsame Sozialdemokratie, wie nirgendwo sonst in Öster-
reich, mächtig verstärkt wurde, nicht zuletzt deshalb, weil die Sozialdemokratie als
Einzelfraktion (!) in der Zwischenkriegszeit stets mit Abstand die mandatsstärkste
Landtagspartei stellte.«60
Folgerichtig hatte die ÖVP Kärnten schon in ihrer Entstehungsphase das Pro-
blem, viele divergierende Interessen der heterogenen Teilorganisationen bedienen
zu müssen. Zwar gehört(e) der Bauernbund wie in anderen Bundesländern auch in
Kärnten zu den einflussreichsten Teilorganisationen der ÖVP, ihr Wahlklientel am
Land war aber tendenziell kleinbäuerlich strukturiert, während großgrundbesitzende
Agrarier in Kärnten stark deutschnational geprägt waren und immer wieder die Füh-
58 Peter Wiesflecker schildert diesbezüglich den Fall, wie ein Kärntner Landeshauptmann im frühen
17. Jahrhundert die Kärntner Untertanen »als ein trotziges Bauernvolk, desgleichen kaum … zwischen
hier und Jerusalem zu finden sei [bezeichnete]. Es würde in einem fort gegen die Obrigkeit konspi-
rieren, schrecke nicht davor zurück, Meineide zu schwören, sei halsstarrig, vermessen, trotzig, spöt-
tisch, höhnisch, eigensinnig, widerwärtig, strafwürdig und rebellisch. Bemerkenswert ist in diesem
Zusammenhang die Rezeption dieser Auseinandersetzungen im kollektiven dörflichen und regionalen
Gedächtnis. Diese waren später nicht nur ein wichtiges Element einer besonderen örtlichen Identität,
sondern ließen sich im politischen Kontext des 20. Jahrhunderts gut als Ausdruck eines frühen bäuer-
lichen Selbstverständnisses verwenden, wobei dann Stereotypisierungen nicht ausblieben. In einer im
Auftrag eines aus Vorderberg stammenden führenden Kärntner Landespolitikers der Zwischen- und
unmittelbaren Nachkriegszeit von einem renommierten Kärntner Historiker dieser Zeit verfassten
Familiengeschichte werden diese Auseinandersetzungen als schönes Beispiel von Heimatliebe und unbeug-
samen Bauernstolz in einer Zeit geschildert, in der die Härte und Unbeugsamkeit seiner stolzen und eigen-
willigen Bauern bei den jeder freiheitlichen Neigung des Volkes abholden Fürsten … keinen guten Ruf hatten,
sodass sie parteiisch gegen diese freiheitsliebende Gemeinde entschieden.« Wiesflecker, P.: Bauernvolk (2017),
38, H. i. O.
59 Burz, U.: Katholisch sein (2001), 30–39.
60 Burz, U.: Die katholische Kirche (2015), 187 f.
Die Kirche und die »Kärntner Seele«
Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Titel
- Die Kirche und die »Kärntner Seele«
- Untertitel
- Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Autor
- Johannes Thonhauser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-23291-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 402
- Schlagwörter
- Kärnten, katholische Kirche, kulturelles Gedächtnis, Habitus, Christlicher Ständestaat, nationalsozialistische Bewegung, Switbert Lobisser, Dolores Viesèr, Emilie Zenneck, Hans Sittenberger
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Inhaltsverzeichnis
- Danksagung 11
- Die katholische Kirche und der Sonderfall Kärnten 13
- 1 Vorbemerkungen 13
- 2 Hinführung 17
- 3 Theoretische Vorüberlegungen 30
- 3.1 Soziologische Grundannahmen 31
- 3.2 Kulturelles und kollektives Gedächtnis 39
- 3.3 Zum methodischen Umgang mit Kunst und Literatur 49
- 1 Missionierung und Christianisierung 59
- 1.1 Zur Missionierung und Christianisierung in Kärnten 60
- 1.2 Politische und kirchliche Entwicklungslinien Kärntens im Hochmittelalter 63
- 1.3 Die Kirche und die territoriale Integration Kärntens im Spätmittelalter 67
- 1.4 Religiöses Leben und kirchliche Struktur im spätmittelalterlichen Kärnten 69
- 2 Das Konfessionelle Zeitalter 73
- 3 Das Nationale Zeitalter 103
- Kirche und Habitus im »Christlichen Ständestaat« 129
- 1 Hinführung 129
- 2 Die Kirchenaustrittsbewegung in Kärnten 1933 bis 1938 151
- 2.1 Hinführung 151
- 2.1.1 Der Geheimerlass vom 10. Juli 1933 155
- 2.1.2 Zur politischen Parteinahme der Seelsorger in den Kärntner Pfarren 157
- 2.2 Zur allgemeinen Entwicklung der Kirchenaustrittsbewegung 1933 bis 1938 162
- 2.2.1 Vom Geheimerlass zu den Silvestertumulten 1933/34: die Ruhe vor dem Sturm 163
- 2.2.2 Von den Silvestertumulten 1933/34 bis zum Juliputsch 1934: der Exodus aus der Kirche 165
- 2.2.3 Vom Putsch 1934 zum Urgenzschreiben 1936: Es brodelt unter der Oberfläche weiter 177
- 2.2.4 Vom Urgenzschreiben 1936 bis zum »Anschluss« 1938: Vorbereitungen zum Massenaustritt 179
- 2.3 Kirchenaustritt aus politischer Opposition zum Ständestaat 181
- 2.4 Zur Rolle der Pfarrers und der katholischen Kirche als Institution 187
- 2.5 Zur Rolle der evangelischen Kirche 197
- 2.6 Die Nazi-Bewegung aus dem Blickwinkel katholischer Geistlicher 204
- 2.7 Wiederverheiratungswillige und Alternativreligiöse 212
- 2.1 Hinführung 151
- 3 Zwischenresümee 216
- Kirche und Habitus im kulturellen Gedächtnis 223
- 1 Hinführung 223
- 2 Sieben Erinnerungstraditionen im kulturellen Gedächtnis Kärntens 225
- 2.1 Die Missionierung Kärntens im kulturellen Gedächtnis 225
- 2.2 Hemma von Gurk als Schlüsselfigur kirchlicher (Gedächtnis-) Geschichte in Kärnten 233
- 2.2.1 Zur Heiligsprechung einer »deutschen Heiligen« 235
- 2.2.2 Dolores Viesèrs Hemma von Gurk (1938): eine christliche »Gegengeschichte« in »unchristlichen« Zeiten 239
- 2.2.2.1 Die Kärntner Landesmutter und ihre Untertanen 243
- 2.2.2.2 Die Kärntner als die »besseren Deutschen« 246
- 2.2.2.3 Das Zusammenspiel von Natur und Mensch 247
- 2.2.2.4 Zur Rolle von Klerus und Kirche 249
- 2.2.2.5 Von Knappen und Putschisten 252
- 2.2.2.6 Wider die Kritiker der Heiligsprechung 255
- 2.2.2.7 Zur Rezeption von Dolores Viesèr und ihres Romans Hemma von Gurk 257
- 2.3 Die »Türkenkriege« im kulturellen Gedächtnis Kärntens 260
- 2.4 Gegenreformation und Geheimprotestantismus im kulturellen Gedächtnis 270
- 2.5 Die Franzosenzeit im kulturellen Gedächtnis Kärntens 282
- 2.6 Klerus und Abwehrkampf im kulturellen Gedächtnis Kärntens amBeispiel von Josef F. Perkonigs Tragödie Heimsuchung (1920) 302
- 2.7 Ständestaat und Nationalsozialismus im kulturellen GedächtnisKärntens am Beispiel von Switbert Lobisser 318
- 3 Sieben Dimensionen des Kärntner Habitus 336
- Zusammenfassung und Ausblick Kirche, Habitus und kulturelles Gedächtnis in Kärnten 344
- 1 Rückblick 344
- 2 Ausblick 348
- 3 Zusammenfassung 350
- Anhang 353
- 1 Abkürzungsverzeichnis 353