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Kirche und Habitus im kulturellen
Gedächtnis264
Unrest verurteilt – entsprechend seinem Status als Geistlicher – die Bauernre-
volten scharf, da sie gegen die gottgewollte Ordnung verstoßen würden. Er spricht
bereits von »posser list und untreu inn der possen pawren hertzen«178. Es wäre wohl
so mancher Herr um Leib, Ehr und Gut gekommen, wenn Gott der gerechte Richter
dies nicht verhindert hätte, so Unrest sinngemäß. Mehrmalige Bitten beim Kaiser
um Erlaubnis des Bundes seien abgelehnt worden, dennoch habe man einen wohl-
wollenden Brief vom Kaiser vorzuweisen.179
Unrest schildert, dass die Bauern nur vorgaben, ihre Zusammenkünfte gegen die
Türken zu organisieren, in Wahrheit aber die soziale Ordnung völlig auf den Kopf
stellen wollten. Dazu wollten sie zunächst unter Strafandrohung die Pfarrer gewin-
nen : »Sy schickten den pharren bryeff zw, sy soldten iren pundt verkunden und [die]
lewdt weysen, in den pundt ze komen. Welicher aber den pundt nicht verkunden
woldt, den wolten sy straffen an leyb und an guet und an dem leben.«180 Ebenso seien
sie mit den Prälaten, Edelleuten, Städten und Märkten verfahren. »Es haben etlich
priester, die nicht mit inn haben wellen seyn, in fluchten muessen sein und sind ires
leyb und guets nicht sicher vor in gewessen.«181
Die »Reform« des Gerichtswesens, das in Zukunft bäuerlich besetzt sein sollte, sei
ein weiteres Ziel der Bewegung gewesen. »Sy woltten auch pfarrer und all pryester-
schafft setzen und entseczen, wie sich verlust und nach irem willen« und »sy wolten
den adel untergedruckt haben und die pryesterschafft selbs geregieret haben.«182
Die geistlichen und weltlichen Herren mussten nun reagieren. »Den herren,
geystlichen und weltlichen, im lanndt zu Kerndten gieng die sach vast zw hertzen«183
und so schickten diese einen Boten aus ihren Reihen zum Kaiser nach Graz. Dieser
gebot per kaiserlichem Schreiben die Auflassung des Bundes bei Strafen an Leib und
Leben, Weib und Kind. »Dye pawren verachten das schreyben hanntz und gar mit
spottlichen worten und sprachen, die herrn hyettn die selbs gemacht«184. Erst Gott
habe das schändliche Treiben der Bauern bestraft, indem er die Türken schickte.
»Das hat Gott darum getan, das das kristenlich pluet von den untrewen pundtlewten
nicht vergossen wuerdt.«185
Der Schaden, den der Bauernbund angerichtet habe, sei vor allem die Uneinig-
keit im Land gewesen, die es den Türken nun, da sie wiederkamen, leicht gemacht
178 Ebd., 90.
179 Ebd., 93.
180 Ebd.
181 Ebd., 94.
182 Ebd.
183 Ebd.
184 Ebd., 95.
185 Ebd.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Die Kirche und die »Kärntner Seele«
Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Titel
- Die Kirche und die »Kärntner Seele«
- Untertitel
- Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Autor
- Johannes Thonhauser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-23291-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 402
- Schlagwörter
- Kärnten, katholische Kirche, kulturelles Gedächtnis, Habitus, Christlicher Ständestaat, nationalsozialistische Bewegung, Switbert Lobisser, Dolores Viesèr, Emilie Zenneck, Hans Sittenberger
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Inhaltsverzeichnis
- Danksagung 11
- Die katholische Kirche und der Sonderfall Kärnten 13
- 1 Vorbemerkungen 13
- 2 Hinführung 17
- 3 Theoretische Vorüberlegungen 30
- 3.1 Soziologische Grundannahmen 31
- 3.2 Kulturelles und kollektives Gedächtnis 39
- 3.3 Zum methodischen Umgang mit Kunst und Literatur 49
- 1 Missionierung und Christianisierung 59
- 1.1 Zur Missionierung und Christianisierung in Kärnten 60
- 1.2 Politische und kirchliche Entwicklungslinien Kärntens im Hochmittelalter 63
- 1.3 Die Kirche und die territoriale Integration Kärntens im Spätmittelalter 67
- 1.4 Religiöses Leben und kirchliche Struktur im spätmittelalterlichen Kärnten 69
- 2 Das Konfessionelle Zeitalter 73
- 3 Das Nationale Zeitalter 103
- Kirche und Habitus im »Christlichen Ständestaat« 129
- 1 Hinführung 129
- 2 Die Kirchenaustrittsbewegung in Kärnten 1933 bis 1938 151
- 2.1 Hinführung 151
- 2.1.1 Der Geheimerlass vom 10. Juli 1933 155
- 2.1.2 Zur politischen Parteinahme der Seelsorger in den Kärntner Pfarren 157
- 2.2 Zur allgemeinen Entwicklung der Kirchenaustrittsbewegung 1933 bis 1938 162
- 2.2.1 Vom Geheimerlass zu den Silvestertumulten 1933/34: die Ruhe vor dem Sturm 163
- 2.2.2 Von den Silvestertumulten 1933/34 bis zum Juliputsch 1934: der Exodus aus der Kirche 165
- 2.2.3 Vom Putsch 1934 zum Urgenzschreiben 1936: Es brodelt unter der Oberfläche weiter 177
- 2.2.4 Vom Urgenzschreiben 1936 bis zum »Anschluss« 1938: Vorbereitungen zum Massenaustritt 179
- 2.3 Kirchenaustritt aus politischer Opposition zum Ständestaat 181
- 2.4 Zur Rolle der Pfarrers und der katholischen Kirche als Institution 187
- 2.5 Zur Rolle der evangelischen Kirche 197
- 2.6 Die Nazi-Bewegung aus dem Blickwinkel katholischer Geistlicher 204
- 2.7 Wiederverheiratungswillige und Alternativreligiöse 212
- 2.1 Hinführung 151
- 3 Zwischenresümee 216
- Kirche und Habitus im kulturellen Gedächtnis 223
- 1 Hinführung 223
- 2 Sieben Erinnerungstraditionen im kulturellen Gedächtnis Kärntens 225
- 2.1 Die Missionierung Kärntens im kulturellen Gedächtnis 225
- 2.2 Hemma von Gurk als Schlüsselfigur kirchlicher (Gedächtnis-) Geschichte in Kärnten 233
- 2.2.1 Zur Heiligsprechung einer »deutschen Heiligen« 235
- 2.2.2 Dolores Viesèrs Hemma von Gurk (1938): eine christliche »Gegengeschichte« in »unchristlichen« Zeiten 239
- 2.2.2.1 Die Kärntner Landesmutter und ihre Untertanen 243
- 2.2.2.2 Die Kärntner als die »besseren Deutschen« 246
- 2.2.2.3 Das Zusammenspiel von Natur und Mensch 247
- 2.2.2.4 Zur Rolle von Klerus und Kirche 249
- 2.2.2.5 Von Knappen und Putschisten 252
- 2.2.2.6 Wider die Kritiker der Heiligsprechung 255
- 2.2.2.7 Zur Rezeption von Dolores Viesèr und ihres Romans Hemma von Gurk 257
- 2.3 Die »Türkenkriege« im kulturellen Gedächtnis Kärntens 260
- 2.4 Gegenreformation und Geheimprotestantismus im kulturellen Gedächtnis 270
- 2.5 Die Franzosenzeit im kulturellen Gedächtnis Kärntens 282
- 2.6 Klerus und Abwehrkampf im kulturellen Gedächtnis Kärntens amBeispiel von Josef F. Perkonigs Tragödie Heimsuchung (1920) 302
- 2.7 Ständestaat und Nationalsozialismus im kulturellen GedächtnisKärntens am Beispiel von Switbert Lobisser 318
- 3 Sieben Dimensionen des Kärntner Habitus 336
- Zusammenfassung und Ausblick Kirche, Habitus und kulturelles Gedächtnis in Kärnten 344
- 1 Rückblick 344
- 2 Ausblick 348
- 3 Zusammenfassung 350
- Anhang 353
- 1 Abkürzungsverzeichnis 353