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Kirche und Habitus im kulturellen
Gedächtnis290
dem Vaterland ein erhebendes Beispiel von Heldenmut zu geben. Das war sehr rührend,
nur schade, daß ein gut Teil der lieben Bewohner von Klagenfurt vorgestern schon ausge-
rissen ist und bei dem Heldenmut nicht mehr mitwirken kann.286
Auch über die aufgesetzte Frömmigkeit ihrer Tante Ursula, für die sich Vaterlands-
liebe in der Anzahl gebeteter Rosenkränze widerspiegle,287 macht sich Scholastica
lustig :
Viele Leute haben bei der Predigt Tränen vergossen, besonders die Frauenzimmer. Auch
die Muhme Ursula hat geweint. Das tut sie übrigens immer, wenn der Herr Dompropst
predigt. Ich glaube, bei anderen Predigten nickt sie heimlich ein ; der Herr Dompropst aber
redet so laut, daß er sie immer wieder aufrüttelt, und so können ihr seine Worte recht ans
Herz gehen.288
Wankelmut diagnostiziert Sittenbergers Scholastica auch im Hinblick auf die Hal-
tung zu den französischen Besatzern und zu Napoleon selbst :
Lachen muß ich über meine guten Klagenfurter. Das werden doch merkwürdige Leutchen
sein. Spartaner, wie der Herr Dompropst Ortner neulich gesagt hat. Heute früh haben sie
den Buonaparte und den Satan noch für Zwillingsbrüder gehalten, und abends schwärmen
sie schon für den Franzosen. Mir scheint, er kennt sie besser als irgendein anderer und
weiß, wo sie zu fassen sind. Er hat einfach die Forderungen des Generals Massena auf-
gehoben, und die braven Bürger, denen die hellen Groschen im Sacke bereits bedenklich
zapplig geworden, sind jetzt in einem wahren Rausch von Dankbarkeit. Sie feiern ihn als
den Gerechtesten der Gerechten, und in der Klagenfurter Zeitung wird er gar der Genius
der Menschlichkeit genannt.289
Diese Wankelmütigkeit setzt sich auch nach dem Abzug der Besatzer fort :
Noch sind es kaum ein paar Tage her, da die Franzosen fort sind. Wie haben meine lieben
Landsleute vor ihnen gebuckelt und sie kajouliert, solange sie da waren, und jetzt möchte
kein Hund mehr in der ganzen Stadt einen Bissen von ihnen nehmen. Dafür hat auch der
Dompropst Ortner eine Festpredigt gehalten und die braven Klagenfurter insgesamt für
Helden erklärt – Helden im Leiden und Tragen natürlich. ›Ihr habt euch der Not gefügt‹,
286 Ebd., 31.
287 Die Muhme Ursula »war nur bös, daß ich keine Rosenkränze gebetet habe. Ich hätte kein Herz fürs
Vaterland, meinte sie.« Ebd., 25.
288 Ebd., 31.
289 Ebd., 50 f.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Die Kirche und die »Kärntner Seele«
Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Titel
- Die Kirche und die »Kärntner Seele«
- Untertitel
- Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Autor
- Johannes Thonhauser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-23291-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 402
- Schlagwörter
- Kärnten, katholische Kirche, kulturelles Gedächtnis, Habitus, Christlicher Ständestaat, nationalsozialistische Bewegung, Switbert Lobisser, Dolores Viesèr, Emilie Zenneck, Hans Sittenberger
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Inhaltsverzeichnis
- Danksagung 11
- Die katholische Kirche und der Sonderfall Kärnten 13
- 1 Vorbemerkungen 13
- 2 Hinführung 17
- 3 Theoretische Vorüberlegungen 30
- 3.1 Soziologische Grundannahmen 31
- 3.2 Kulturelles und kollektives Gedächtnis 39
- 3.3 Zum methodischen Umgang mit Kunst und Literatur 49
- 1 Missionierung und Christianisierung 59
- 1.1 Zur Missionierung und Christianisierung in Kärnten 60
- 1.2 Politische und kirchliche Entwicklungslinien Kärntens im Hochmittelalter 63
- 1.3 Die Kirche und die territoriale Integration Kärntens im Spätmittelalter 67
- 1.4 Religiöses Leben und kirchliche Struktur im spätmittelalterlichen Kärnten 69
- 2 Das Konfessionelle Zeitalter 73
- 3 Das Nationale Zeitalter 103
- Kirche und Habitus im »Christlichen Ständestaat« 129
- 1 Hinführung 129
- 2 Die Kirchenaustrittsbewegung in Kärnten 1933 bis 1938 151
- 2.1 Hinführung 151
- 2.1.1 Der Geheimerlass vom 10. Juli 1933 155
- 2.1.2 Zur politischen Parteinahme der Seelsorger in den Kärntner Pfarren 157
- 2.2 Zur allgemeinen Entwicklung der Kirchenaustrittsbewegung 1933 bis 1938 162
- 2.2.1 Vom Geheimerlass zu den Silvestertumulten 1933/34: die Ruhe vor dem Sturm 163
- 2.2.2 Von den Silvestertumulten 1933/34 bis zum Juliputsch 1934: der Exodus aus der Kirche 165
- 2.2.3 Vom Putsch 1934 zum Urgenzschreiben 1936: Es brodelt unter der Oberfläche weiter 177
- 2.2.4 Vom Urgenzschreiben 1936 bis zum »Anschluss« 1938: Vorbereitungen zum Massenaustritt 179
- 2.3 Kirchenaustritt aus politischer Opposition zum Ständestaat 181
- 2.4 Zur Rolle der Pfarrers und der katholischen Kirche als Institution 187
- 2.5 Zur Rolle der evangelischen Kirche 197
- 2.6 Die Nazi-Bewegung aus dem Blickwinkel katholischer Geistlicher 204
- 2.7 Wiederverheiratungswillige und Alternativreligiöse 212
- 2.1 Hinführung 151
- 3 Zwischenresümee 216
- Kirche und Habitus im kulturellen Gedächtnis 223
- 1 Hinführung 223
- 2 Sieben Erinnerungstraditionen im kulturellen Gedächtnis Kärntens 225
- 2.1 Die Missionierung Kärntens im kulturellen Gedächtnis 225
- 2.2 Hemma von Gurk als Schlüsselfigur kirchlicher (Gedächtnis-) Geschichte in Kärnten 233
- 2.2.1 Zur Heiligsprechung einer »deutschen Heiligen« 235
- 2.2.2 Dolores Viesèrs Hemma von Gurk (1938): eine christliche »Gegengeschichte« in »unchristlichen« Zeiten 239
- 2.2.2.1 Die Kärntner Landesmutter und ihre Untertanen 243
- 2.2.2.2 Die Kärntner als die »besseren Deutschen« 246
- 2.2.2.3 Das Zusammenspiel von Natur und Mensch 247
- 2.2.2.4 Zur Rolle von Klerus und Kirche 249
- 2.2.2.5 Von Knappen und Putschisten 252
- 2.2.2.6 Wider die Kritiker der Heiligsprechung 255
- 2.2.2.7 Zur Rezeption von Dolores Viesèr und ihres Romans Hemma von Gurk 257
- 2.3 Die »Türkenkriege« im kulturellen Gedächtnis Kärntens 260
- 2.4 Gegenreformation und Geheimprotestantismus im kulturellen Gedächtnis 270
- 2.5 Die Franzosenzeit im kulturellen Gedächtnis Kärntens 282
- 2.6 Klerus und Abwehrkampf im kulturellen Gedächtnis Kärntens amBeispiel von Josef F. Perkonigs Tragödie Heimsuchung (1920) 302
- 2.7 Ständestaat und Nationalsozialismus im kulturellen GedächtnisKärntens am Beispiel von Switbert Lobisser 318
- 3 Sieben Dimensionen des Kärntner Habitus 336
- Zusammenfassung und Ausblick Kirche, Habitus und kulturelles Gedächtnis in Kärnten 344
- 1 Rückblick 344
- 2 Ausblick 348
- 3 Zusammenfassung 350
- Anhang 353
- 1 Abkürzungsverzeichnis 353