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55Theoretische
Vorüberlegungen
Handke bringt hier einen wesentlichen Habitusaspekt zur Sprache, den die Sozio-
logen Helmut Kuzmics und Roland Axtmann165 sowie Christian Dorner-Hörig als
»perfide Mechanismen der Beschämung und Schande«166 beschreiben, die im Zuge
des konfessionellen Absolutismus von Staat und Kirche zur Eindämmung von De-
vianz und Herstellung sozial erwünschten Verhaltens kultiviert wurden und zur
erzwungenen Selbstüberwachung führten. Die Scham funktioniert hier als Macht-
mittel, der Beschämte erkennt das eigene Versagen gegenüber dem Mächtigeren.
So habe der »klerikale Überwachungsapparat […] einen Habitus der Friedfertigkeit
hinsichtlich körperlicher Gewalt [geformt]. Er erzeugte eine Bravheit, die gern in
Unterwerfung einwilligt.«167
Dieses permanente Unterlegenheitsgefühl erzeugte ein Gefühl der Minderwer-
tigkeit und der Abhängigkeit vom Herrschenden, ein permanentes Schwelgen zwi-
schen Liebe und Hass für den Oberen, dessen Fürsorglichkeit man nicht »verdient«
hat und dessen Gunstentzug schwerer wiegt als körperliche Züchtigung.168
Ein Bittgang nach dem andern zum Bruder, die Entlassung des trunksüchtigen Ehemanns
noch einmal rückgängig zu machen ; ein Anflehen des Schwarzhörer-Aufspürers, von einer
Anzeige wegen des nichtangemeldeten Rundfunkapparats doch abzustehen ; die Beteue-
rung, sich eines Wohnbaudarlehens auch ja als Staatsbürgerin würdig zu erweisen ; der Weg
von Amt zu Amt, um sich die Bedürftigkeit bestätigen zu lassen ; der jährlich von neuem
benötigte Mittellosigkeitsnachweis für den inzwischen studierenden Sohn ; Ansuchen um
Krankengeld, Kinderbeihilfe, Kirchensteuerermäßigung – das meiste im gnädigen Ermes-
sen, aber auch das, auf was man gesetzlichen Anspruch hatte, mußte man immer wieder ge-
nau so nachweisen, daß man das endliche Genehmigt ! dankbar als Gnadenerweis nahm.169
Handke schildert hier das System eines »autoritär-patrimoniellen Herrschaftssys-
tems mit bürokratischen Mitteln«170, dessen deutlichster Ausdruck die Gnadenwill-
kür des Herrschenden darstellt. Die Gnadenwillkür des Staatsapparates macht den
Behördengang zu einem Akt der Unterwerfung und Beschämung. Die »Gleichset-
zung von ›absolutistischem Gottesgnadentum‹ und ›staatstragender Bürokratie‹«171,
wie sie im Ständestaat aktualisiert worden war, lebte in der Zweiten Republik in Un-
165 Kuzmics, H./Axtmann, R.: Autorität (2000), 149.
166 Dorner-Hörig, C.: Habitus und Politik (2014), 95.
167 Kuzmics, H./Axtmann, R.: Autorität (2000), 149.
168 Dorner-Hörig, C.: Habitus und Politik (2014), 95 f.
169 Handke, P.: Wunschloses Unglück (2014), 44.
170 Kuzmics, H./Axtmann, R.: Autorität (2000), 325 f.
171 Binder, D. A.: Der »Christliche Ständestaat« (1997), 211.
Die Kirche und die »Kärntner Seele«
Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Titel
- Die Kirche und die »Kärntner Seele«
- Untertitel
- Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Autor
- Johannes Thonhauser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-23291-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 402
- Schlagwörter
- Kärnten, katholische Kirche, kulturelles Gedächtnis, Habitus, Christlicher Ständestaat, nationalsozialistische Bewegung, Switbert Lobisser, Dolores Viesèr, Emilie Zenneck, Hans Sittenberger
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Inhaltsverzeichnis
- Danksagung 11
- Die katholische Kirche und der Sonderfall Kärnten 13
- 1 Vorbemerkungen 13
- 2 Hinführung 17
- 3 Theoretische Vorüberlegungen 30
- 3.1 Soziologische Grundannahmen 31
- 3.2 Kulturelles und kollektives Gedächtnis 39
- 3.3 Zum methodischen Umgang mit Kunst und Literatur 49
- 1 Missionierung und Christianisierung 59
- 1.1 Zur Missionierung und Christianisierung in Kärnten 60
- 1.2 Politische und kirchliche Entwicklungslinien Kärntens im Hochmittelalter 63
- 1.3 Die Kirche und die territoriale Integration Kärntens im Spätmittelalter 67
- 1.4 Religiöses Leben und kirchliche Struktur im spätmittelalterlichen Kärnten 69
- 2 Das Konfessionelle Zeitalter 73
- 3 Das Nationale Zeitalter 103
- Kirche und Habitus im »Christlichen Ständestaat« 129
- 1 Hinführung 129
- 2 Die Kirchenaustrittsbewegung in Kärnten 1933 bis 1938 151
- 2.1 Hinführung 151
- 2.1.1 Der Geheimerlass vom 10. Juli 1933 155
- 2.1.2 Zur politischen Parteinahme der Seelsorger in den Kärntner Pfarren 157
- 2.2 Zur allgemeinen Entwicklung der Kirchenaustrittsbewegung 1933 bis 1938 162
- 2.2.1 Vom Geheimerlass zu den Silvestertumulten 1933/34: die Ruhe vor dem Sturm 163
- 2.2.2 Von den Silvestertumulten 1933/34 bis zum Juliputsch 1934: der Exodus aus der Kirche 165
- 2.2.3 Vom Putsch 1934 zum Urgenzschreiben 1936: Es brodelt unter der Oberfläche weiter 177
- 2.2.4 Vom Urgenzschreiben 1936 bis zum »Anschluss« 1938: Vorbereitungen zum Massenaustritt 179
- 2.3 Kirchenaustritt aus politischer Opposition zum Ständestaat 181
- 2.4 Zur Rolle der Pfarrers und der katholischen Kirche als Institution 187
- 2.5 Zur Rolle der evangelischen Kirche 197
- 2.6 Die Nazi-Bewegung aus dem Blickwinkel katholischer Geistlicher 204
- 2.7 Wiederverheiratungswillige und Alternativreligiöse 212
- 2.1 Hinführung 151
- 3 Zwischenresümee 216
- Kirche und Habitus im kulturellen Gedächtnis 223
- 1 Hinführung 223
- 2 Sieben Erinnerungstraditionen im kulturellen Gedächtnis Kärntens 225
- 2.1 Die Missionierung Kärntens im kulturellen Gedächtnis 225
- 2.2 Hemma von Gurk als Schlüsselfigur kirchlicher (Gedächtnis-) Geschichte in Kärnten 233
- 2.2.1 Zur Heiligsprechung einer »deutschen Heiligen« 235
- 2.2.2 Dolores Viesèrs Hemma von Gurk (1938): eine christliche »Gegengeschichte« in »unchristlichen« Zeiten 239
- 2.2.2.1 Die Kärntner Landesmutter und ihre Untertanen 243
- 2.2.2.2 Die Kärntner als die »besseren Deutschen« 246
- 2.2.2.3 Das Zusammenspiel von Natur und Mensch 247
- 2.2.2.4 Zur Rolle von Klerus und Kirche 249
- 2.2.2.5 Von Knappen und Putschisten 252
- 2.2.2.6 Wider die Kritiker der Heiligsprechung 255
- 2.2.2.7 Zur Rezeption von Dolores Viesèr und ihres Romans Hemma von Gurk 257
- 2.3 Die »Türkenkriege« im kulturellen Gedächtnis Kärntens 260
- 2.4 Gegenreformation und Geheimprotestantismus im kulturellen Gedächtnis 270
- 2.5 Die Franzosenzeit im kulturellen Gedächtnis Kärntens 282
- 2.6 Klerus und Abwehrkampf im kulturellen Gedächtnis Kärntens amBeispiel von Josef F. Perkonigs Tragödie Heimsuchung (1920) 302
- 2.7 Ständestaat und Nationalsozialismus im kulturellen GedächtnisKärntens am Beispiel von Switbert Lobisser 318
- 3 Sieben Dimensionen des Kärntner Habitus 336
- Zusammenfassung und Ausblick Kirche, Habitus und kulturelles Gedächtnis in Kärnten 344
- 1 Rückblick 344
- 2 Ausblick 348
- 3 Zusammenfassung 350
- Anhang 353
- 1 Abkürzungsverzeichnis 353