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Dimensionen des Kärntner Habitus
ihm an Religiosität fehlt. Der »Glaube« im Kontext dieser Religiosität allerdings ist
in erster Linie der Glaube eben an die Heimat, die in gewisser Weise als Ersatzreli-
gion dient. Dieser Heimatglaube verneint keineswegs kirchlich-religiöse Glaubens-
inhalte wie die Existenz Gottes, die Erlösungstat Christi oder die Gottesmutterschaft
Mariens. Doch der Ort, an dem sich diesem Wir-Ideal zufolge religiöse Wahrheiten
widerspiegeln, findet sich weniger in den kirchlichen Institutionen und Gotteshäu-
sern als vielmehr in der überwältigenden Naturlandschaft Kärntens. Dieser mysti-
sche Zugang zur Natur Kärntens, aus dem sich die parareligiöse Qualität des Hei-
matideals speist, hat bereits in Megisers bzw. Christalnicks Annales Carinthiae ihren
Niederschlag gefunden. Auch in den historischen Romanen der Zwischenkriegszeit,
bei Emilie Zenneck, aber vor allem in Dolores Viesèrs Hemma von Gurk, findet sich
eine zum Teil überschwänglich-naive Bewunderung der Naturschauplätze Kärntens.
Eine pantheistische Spielart dieser Naturfrömmigkeit begegnet im Werk Perkonigs
und wer Lobissers Holzschnitte betrachtet, findet von Waldgeistern, Hexen und
Faunen bewohnte Wälder und Wiesen vor. So gesehen ist von Max Webers Diktum
von der »Entzauberung der Welt« zumindest in Kärnten bis weit ins 20. Jahrhundert
hinein wenig zu finden. Traditionelle Frömmigkeit beinhaltete hier lange und zum
Teil immer noch primärreligiöse Elemente. Beim Weiterlesen von Christine Lavants
Wechselbälgchen bspw. erhält man einen Eindruck vom lange präsenten Magie- und
Aberglauben im ländlichen Milieu Kärntens, wo auch gegenwärtig vermeintliche
Marienerscheinungen zahlreiche Pilger anziehen oder der zum Fitnessevent mu-
tierte Vierbergelauf als eine der größten »religiösen« Veranstaltungen im Jahr gilt.
Die Kirche spielt für die Kärntner »Heimatreligion« keine zentrale Rolle. Ihre
Funktion als »Trägerschaft« religiöser Zeremonien nehmen in diesem Kontext die
Traditionspflege- und Trachtenvereine wahr. Die Priester dieser Religion sind nicht
die geweihten katholischen Kleriker, sondern die Mundartdichter und Heimatkünst-
ler. Anstelle der Kirchenchöre sind es die Gesangsvereine und Singkreise, die in
den Lobpreis der Kärntner Naturlandschaft einstimmen. So besingen zahlreiche
Kärntnerlieder die Schönheit und Reinheit ebendieser. Ihre melancholisch gefärbte
Schwere ist ein Charakteristikum dieser Kunstform und spiegelt eine sechste Di-
mension des Kärntner Habitus wider.
6. Die Dimension der Emotionalität. Aus der Sicht der Prozess- und Figurations-
soziologie ist der Umgang mit Emotionen, das Ausmaß der Affektkontrolle in der
Persönlichkeitsstruktur von Menschen einer Figuration abhängig von der Nachhal-
tigkeit, mit der staatliche und kirchliche Fremdzwangmechanismen das Verhalten
und Empfinden der Individuen disziplinieren konnten. Gesellschaften bzw. Figura-
tionen, in denen diese Nachhaltigkeit nicht gegeben ist, weisen daher auch eine hö-
here Akzeptanz von Gefühlsausdrücken und -ausbrüchen im öffentlichen oder auch
künstlerischen Leben und Erleben auf. »Der Kärntner ist einer, der seine Gefühle
Die Kirche und die »Kärntner Seele«
Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Titel
- Die Kirche und die »Kärntner Seele«
- Untertitel
- Habitus, kulturelles Gedächtnis und katholische Kirche in Kärnten, insbesondere vor 1938
- Autor
- Johannes Thonhauser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-23291-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 402
- Schlagwörter
- Kärnten, katholische Kirche, kulturelles Gedächtnis, Habitus, Christlicher Ständestaat, nationalsozialistische Bewegung, Switbert Lobisser, Dolores Viesèr, Emilie Zenneck, Hans Sittenberger
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
Inhaltsverzeichnis
- Danksagung 11
- Die katholische Kirche und der Sonderfall Kärnten 13
- 1 Vorbemerkungen 13
- 2 Hinführung 17
- 3 Theoretische Vorüberlegungen 30
- 3.1 Soziologische Grundannahmen 31
- 3.2 Kulturelles und kollektives Gedächtnis 39
- 3.3 Zum methodischen Umgang mit Kunst und Literatur 49
- 1 Missionierung und Christianisierung 59
- 1.1 Zur Missionierung und Christianisierung in Kärnten 60
- 1.2 Politische und kirchliche Entwicklungslinien Kärntens im Hochmittelalter 63
- 1.3 Die Kirche und die territoriale Integration Kärntens im Spätmittelalter 67
- 1.4 Religiöses Leben und kirchliche Struktur im spätmittelalterlichen Kärnten 69
- 2 Das Konfessionelle Zeitalter 73
- 3 Das Nationale Zeitalter 103
- Kirche und Habitus im »Christlichen Ständestaat« 129
- 1 Hinführung 129
- 2 Die Kirchenaustrittsbewegung in Kärnten 1933 bis 1938 151
- 2.1 Hinführung 151
- 2.1.1 Der Geheimerlass vom 10. Juli 1933 155
- 2.1.2 Zur politischen Parteinahme der Seelsorger in den Kärntner Pfarren 157
- 2.2 Zur allgemeinen Entwicklung der Kirchenaustrittsbewegung 1933 bis 1938 162
- 2.2.1 Vom Geheimerlass zu den Silvestertumulten 1933/34: die Ruhe vor dem Sturm 163
- 2.2.2 Von den Silvestertumulten 1933/34 bis zum Juliputsch 1934: der Exodus aus der Kirche 165
- 2.2.3 Vom Putsch 1934 zum Urgenzschreiben 1936: Es brodelt unter der Oberfläche weiter 177
- 2.2.4 Vom Urgenzschreiben 1936 bis zum »Anschluss« 1938: Vorbereitungen zum Massenaustritt 179
- 2.3 Kirchenaustritt aus politischer Opposition zum Ständestaat 181
- 2.4 Zur Rolle der Pfarrers und der katholischen Kirche als Institution 187
- 2.5 Zur Rolle der evangelischen Kirche 197
- 2.6 Die Nazi-Bewegung aus dem Blickwinkel katholischer Geistlicher 204
- 2.7 Wiederverheiratungswillige und Alternativreligiöse 212
- 2.1 Hinführung 151
- 3 Zwischenresümee 216
- Kirche und Habitus im kulturellen Gedächtnis 223
- 1 Hinführung 223
- 2 Sieben Erinnerungstraditionen im kulturellen Gedächtnis Kärntens 225
- 2.1 Die Missionierung Kärntens im kulturellen Gedächtnis 225
- 2.2 Hemma von Gurk als Schlüsselfigur kirchlicher (Gedächtnis-) Geschichte in Kärnten 233
- 2.2.1 Zur Heiligsprechung einer »deutschen Heiligen« 235
- 2.2.2 Dolores Viesèrs Hemma von Gurk (1938): eine christliche »Gegengeschichte« in »unchristlichen« Zeiten 239
- 2.2.2.1 Die Kärntner Landesmutter und ihre Untertanen 243
- 2.2.2.2 Die Kärntner als die »besseren Deutschen« 246
- 2.2.2.3 Das Zusammenspiel von Natur und Mensch 247
- 2.2.2.4 Zur Rolle von Klerus und Kirche 249
- 2.2.2.5 Von Knappen und Putschisten 252
- 2.2.2.6 Wider die Kritiker der Heiligsprechung 255
- 2.2.2.7 Zur Rezeption von Dolores Viesèr und ihres Romans Hemma von Gurk 257
- 2.3 Die »Türkenkriege« im kulturellen Gedächtnis Kärntens 260
- 2.4 Gegenreformation und Geheimprotestantismus im kulturellen Gedächtnis 270
- 2.5 Die Franzosenzeit im kulturellen Gedächtnis Kärntens 282
- 2.6 Klerus und Abwehrkampf im kulturellen Gedächtnis Kärntens amBeispiel von Josef F. Perkonigs Tragödie Heimsuchung (1920) 302
- 2.7 Ständestaat und Nationalsozialismus im kulturellen GedächtnisKärntens am Beispiel von Switbert Lobisser 318
- 3 Sieben Dimensionen des Kärntner Habitus 336
- Zusammenfassung und Ausblick Kirche, Habitus und kulturelles Gedächtnis in Kärnten 344
- 1 Rückblick 344
- 2 Ausblick 348
- 3 Zusammenfassung 350
- Anhang 353
- 1 Abkürzungsverzeichnis 353